Samstag, 1. Oktober 2016

Ich nehm dich mit...



Die letzen Monate waren eine einzige große Aneinanderreihung von Ereignissen. Ich habe mein Praktikum in Tübingen abgeschlossen, habe meine letzte Klausur geschrieben, bin nach Norwegen geflogen um eine Freundin zu besuchen, bin nach Amsterdam geflogen wegen einem Jobangebot, habe meine Bachelorarbeit geschrieben und meinen Bachelor somit erfolgreich abgeschlossen, habe nach 3,5 Jahren Tübingen verlassen, bin nach Berlin gezogen und habe dort ein Praktikum gemacht, habe mich unendlich in die Stadt verliebt und musste schweren Herzens dann einen Studienplatz in Stuttgart annehmen, wo ich ab Mitte Oktober meinen Master in Digital Humanities anfangen werde. Dann bin ich für 6 Wochen mal wieder nach Asien geflogen, genauer nach Sri Lanka und Indonesien. Die Vielzahl an Erlebnissen, die ich dort erlebt hab, lässt sich kaum in Worte fassen, so habe ich immerhin ein ganzes Buch als Reisetagebuch vollgeschrieben. Und da das zu viel ist um es alles abzutippen, gibt es nur ein paar Ausschnitte daraus: ich nehm dich mit - mit auf meine Reise...


~ SRI LANKA ~

15. August -  Tag 3: Colombo - Kandy

Viel zu spät quälen wir uns hoch aus unseren Hostelbetten, packen und steigen die Treppe zur Dachterrasse hoch, wo es Frühstück geben soll. Frühstück heißt in diesem Fall kalte Nudeln, Reis und scharfe Soßen und Curry-Pampe, dazu Krümelkaffee mit Milchpulver... Wir essen nur des Hungers wegen, checken aus und stellen fest, dass wir nicht mehr genügend Bargeld haben für die TukTuk-Fahrt zur Zugstation und dazu auch noch viel zu spät dran sind - Anfängerfehler! Wir müssen uns wohl erst noch ans Reisen wieder gewöhnen. Nach der üblichen hitzigen Diskussion um den  Preis quetschen wir uns mit unseren riesigen Rucksäcken ins viel zu kleine TukTuk auf die Rückbank und haben schon die ersten Schweißperlen auf  der Stirn, obwohl es noch nicht mal 8 Uhr ist. Nach langem Zureden, der zehnten Wiederholung des Wortes "ATM" und wildem Gefuchtel schaffen wir es den TukTuk-Fahrer einzubläuen, dass er an einem Geldautomat halten muss, wo Lena rausspringt um Geld abzuheben. Natürlich spuckt dieser ATM nur einen 5.000 Rupien Schein aus, was in diesem Land einem 500 Euro Schein gleichzukommen scheint, wenn es darum geht, Wechselgeld zu haben. Genau genommen sind es aber nur umgerechnet 30 Euro. Das heißt wir kommen am Zugbahnhof an, 10 Minuten vor der geplanten Abfahrt und müssen verzweifelt versuchen, diesen Schein irgendwo zu wechseln... Aber wahrscheinlich wäre es einfacherer alle Leute in der Schlange vor dem Ticketschalter zu überreden jetzt nackt eine Polonäse durch ganz Colombo zu machen, als jemanden zu finden, der gewillt ist, den 5.000 Rupien Schein zu wechseln... Ich versuche dann an einem anderen ATM Geld abzuheben, in der Hoffnung, dass dieser kleinere Scheine ausspuckt und siehe da - Glück gehabt! Wir bezahlen also endlich den sehr entspannten Fahrer, und sprinten zum Bahnhofseingang. Der dortige Ticket-Durchreißer schaut auf unser Ticket und meint "No train. This no". Blanke Panik im Gesicht und unser etwas zu laut geratenes "What? WHY?" lässt ihn direkt laut lachen und er haut ein "joke" raus... Witztiger Humor, dummer Depp. Wir werden zum richtigen Gleis gefuchelt, und wie es so ist, kommt der Zug zwar immerhin pünktlich um 9.00 Uhr, bewegt sich aber vor 9.45 Uhr keinen Zentimeter. Wir sitzen auf den unbequemsten Sitzen des Jahrhunderts: mein Kopfteil ist nur noch zur Hälfte vorhanden und deswegen verfangen sich meine Haare ständig in dem Schaumstoff-Innenleben der einstigen Kopfstütze. Die Lehne ist so gerade und die Polster so hart, als wollte jemand die Passagiere bewusst quälen und zudem sitzen wir auch noch entgegen der Fahrtrichtung. Es hat gefühlte 180 Grad und natürlich ist der Zug auch komplett überfüllt. Das kann was werden... Als der Zug sich unter lautem Geächze langsam aus dem Bahnhof bewegt und nur minimal schneller wird über die Strecke, merkt man dass man es eben nicht mit einem guten deutschen ICE zu tun hat, sondern es sich eher anfühlt, als würde der Zug gar nicht auf Schienen fahren sondern eher einen unbefestigten Geröllhang heruntergeschoben werden.... Ich versuche zu dösen, aber da mein Kopf ständig gegen die Steinwand, die sich Sitz schimpft, schlägt und an mir auch ansonsten ein Wasserfall an Schweiß runterfließt, ist an schlafen eher nicht zu denken. Nach der Hälfte der Zugfahrt tauschen Lena und ich die Plätze und ich sitze dann am Fenster, kann dort meine schon halb abgestorbenen Beine aus dem Fenster hängen lassen und bekomme etwas Abkühlung durch den Fahrtwind. Die Landschaft ist sehr schön und der Zug schlängelt sich durch Reisfelder, Palmenwälder, durch unendliche Grünflächen auf denen Rinder grasen. Wir kommen durch kleine abgelegene Dörfer, wo Kinder barfuss "Fangen" im Lehmdreck spielen und streunende Hunde auf den Straßen dösen und sich von nichts und niemanden stören lassen. Die Sonne verschwindet hinter Wolken und auf einmal öffnet der Himmel seine Schleusen und kalter Regen klatscht mir ins Gesicht. Die Fenster kann (und will) man nicht zumachen, also heißt es nass werden. Aber wie es in Asien üblich ist, meldet sich auch bald die Sonne wieder zurück und taucht das Land in mystisches Licht. Nach vier Stunden Rückwärtsfahren ist mir nicht nur schlecht, sondern auch meine Geduld hat langsam aber sicher das Ende erreicht und ich bin mehr als froh, als wir unsere festgebunden Rucksäcke wieder aus den Gepäckfächern hieven können und endlich in Kandy aussteigen dürfen, um uns in das Meer von wartenden Taxi- und TukTuk-Fahrern zu werfen, die sich auf uns stürzen wie Tiere bei der Fütterung. [...]







1 Kommentar:

Quiltmoose - Dagmar hat gesagt…

Im Namen aller, die hier kommentarlos mitlesen, danke ich dir für's Mitnehmen! Deine Reiseberichte sind , wie immer, wunderbar zu lesen und geben einem das Gefühl, selbst dabei zu sein. Da kommt ja hoffentlich noch mehr, oder?