Sonntag, 23. Oktober 2016

Ich nehm dich mit... (III)



18.August - Tag 6: Dambulla

Es hämmert gegen die Tür und ich bin für einen Moment mehr als orientierungslos... was soll der Quatsch?! Und dann dämmert es mir: wir haben verschlafen! Es ist 5.07 Uhr und wir wollten um 05.00 Uhr im TukTuk sitzen, um den Sonnenaufgang vom Pidurangala Rock zu erleben, einem Nachbarhügel neben dem "bekannten" Lion Rock. Aber Lena hat den Wecker falsch gestellt und so springen wir aus dem Bett, ziehen uns an und sind innerhalb von fünf Minuten fertig und sitzen im TukTuk zusammen mit einer anderen Deutschen, die sich uns gestern schon angeschlossen hat. Wir düsen 45min durch die Dunkelheit bis wir am Fuße des Pidurangala Rock ankommen und wild wedelnd von unserem TukTukfahrer im Stechschritt zum Eingang gescheucht werden. Dort kaufen wir ein Ticket für 500 Rupien, was ein Schnäppchen ist im Vergleich zum Lion Rock, wo es  nämlich 4.300 Rupien gekostet hätte, was eine absolute Unverschämtheit ist für einen lächerlichen Felsen in der Gegend. Einheimische zahlen übrigens 50 Rupien statt 4.300 - ich find es ja schon gerecht, dass man den Ausländern mehr Geld abknüpft als den Einheimischen, aber der Unterschied zwischen 50 und 4.300 ist schon etwas zu groß, wenn man mich fragt... Sobald wir das Ticket in Händen halten, ausgestellt von einem alten, zahnlosen Mönch, werden wir wieder vorwärts gescheucht. Halb joggend quälen wir uns unzählige mehr oder weniger vertrauenerweckende Stufen hoch, während unser TukTukfahrer immer wieder drauf besteht, dass wir schneller rennen.... Himmel hilf, er steht ja selber kurz vor dem Kollaps und auch auf meiner Stirn bilden sich die ersten Schweißperlen ab.... Nach sportlichen 40min Stufen klettern und Sprinteinlagen durch den Dschungel, kommen wir endlich auf dem Felsplateau an als sich gerade die ersten Strahler der Sonne ihren Weg über die Gipfel der Bäume bahnt... Alles ist in ein mystisches Licht getaucht und es ist eine wundervolle Stille hier oben. Das ganze Gehetzte hat sich gelohnt, auch wenn unser TukTukfahrer aussieht, als bräuchte er gleich Widerbelebungsmaßnahmen. Hier oben scheint es als würde die Welt still stehen, alles ist so ruhig und so weit weg. Wir sitzen am Felsrand und schauen der Sonne beim Aufgehen zu. Das sind die Momente, in denen ich tief durchatme und einfach dankbar bin, dass ich die Möglichkeit habe zu reisen und solche einzigartigen Augenblicke erleben darf. [...] 





 


Freitag, 7. Oktober 2016

Ich nehm dich mit... (II)



16. August - Tag 4: Kandy

[...] Nach dem langen Rumlaufen in der Stadt und den verschiedensten Tempelbesichtigungen, kehren wir gegen Abend zurück in unser Hostel. Die Stadt ist wegen der Parade auch heute wieder komplett abgesperrt und von daher ist das mögliche Abendprogramm jetzt nicht mehr allzu variable. Wir kommen ins Gespräch mit einem Engländer und nach längerem Planen unserer nächsten Tagesetappen sind wir uns alle einig, dass jetzt ein kühles Bier genau das Richtige wäre. Allerdings herrscht in Kandy während der 10tägigen Feier "Esala Perahera" komplettes Alkoholverbot in der Stadt. Der Engländer erzählt uns aber, dass der Hostel"manager" schon mal Alkohol für andere Gäste organisiert hätte und so beschließen wir ihn zu fragen, ob das wieder möglich ist. Hätten wir gewusst, wie der Abend aufgrund dieser Entscheidung verlaufen würde, hätten wir uns mit einer Cola zufrieden gestellt... Wir fragen den überaus netten und hilfsbereiten kleinen Mann, der das Hostel eben schmeißt, also unschuldig wo wir den Bier bekommen können, worauf er uns erzählt, dass man dazu mit einem TukTuk aus der Stadt ins nächste Dorf fahren muss, wo die gesetzlichen Auflagen des Alkoholverbots von Kandy nicht hinreichen. Nach kurzem Hin und Her schlägt er uns dann einen Deal vor: er würde zusammen mit dem Engländer ein TukTuk nehmen und den Alkohol organisieren, wenn ich derweil sein Hostel übernehme, da er noch auf eine Person wartet, die noch einchecken muss. Preis fürs TukTuk 700 Rupien (~ 4Euro) und 350 Rupien (~2Euro) pro Bier. Nach einer kurzen Einweisung in sein Buchungssystem, den Schlössern zur Haupttür und dem Telefon düsen die Zwei also los, während ich hinter der Rezeption Platz nehme. Irgendwann kommt Lena vom Duschen und zusammen sitzen wir hinter der viel zu hohen Rezeption und lachen über die Irrsinnigkeit dieser Situation. Ich wollte ja schon lange mal ein Hostel managen... Alle paar Minuten laufen Leute dabei, die ungläubig reinstarren und uns mit großen Augen anschauen, teilweise sogar stehenbleiben oder vorbeilaufen und noch mal zurück kommen um noch einmal reinzuschauen, ob sie tatsächlich richtig gesehen haben... Keine Ahnung, was der Skandal genau ist - vielleicht weil wir weiß sind, vielleicht weil wir Frauen sind, vielleicht weil sie eigentlich wissen wer der Hostelmanager ist, oder vielleicht auch nur weil wir ziemlich witzig aussehen, wie wir da sitzen und nur unsere Köpfe über den Tisch reichen... Ansonsten kommen ein paar Leute vorbei um zu fragen um noch Betten frei sind, ein paar Leute wollen rein- oder rausgelassen werden und ein Typ kommt, der eingecheckt werden möchte und meint er kennt den Manager und er hat eine Reservierung. Ansonsten bleibt es zum Glück ziemlich ruhig.
Eigentlich hatte er uns versprochen, dass er maximal eine halbe Stunde lange weg ist, aber nach zwei Stunden werden wir langsam unruhig und immer noch ist weit und breit weder der Engländer, noch der Manager noch Bier zu sehen... Gerade als ich beunruhigt schon versuche ihn auf dem Handy anzurufen, hält das TukTuk mit den beiden vor der Tür. Die Polizei hat sie direkt nach dem Bierkauf angehalten und Locals dürfen über die Festtage überhaupt keinen Alkohol mit sich führen und Ausländer maximal 10 Liter. Leider hatten die Zwei auf Reserve gekauft und mehr als 10L mit dabei... Die Folge: der Engländer musste alles Bier abgeben und durfte nach langem Diskutieren eine Flasche behalten, der Hostelmanager hat eine Anzeige bekommen und muss vor Gericht erscheinen. Dementsprechend ist er auch fertig mit den Nerven... Somit sind mehr als zwei Stunden vergangen, wir haben einen Batzen Geld verloren, haben zwei Stunden umsonst gearbeitet und trotzdem immer noch kein Bier - sind aber um eine witzige Geschichte reicher... [...]





Samstag, 1. Oktober 2016

Ich nehm dich mit...



Die letzen Monate waren eine einzige große Aneinanderreihung von Ereignissen. Ich habe mein Praktikum in Tübingen abgeschlossen, habe meine letzte Klausur geschrieben, bin nach Norwegen geflogen um eine Freundin zu besuchen, bin nach Amsterdam geflogen wegen einem Jobangebot, habe meine Bachelorarbeit geschrieben und meinen Bachelor somit erfolgreich abgeschlossen, habe nach 3,5 Jahren Tübingen verlassen, bin nach Berlin gezogen und habe dort ein Praktikum gemacht, habe mich unendlich in die Stadt verliebt und musste schweren Herzens dann einen Studienplatz in Stuttgart annehmen, wo ich ab Mitte Oktober meinen Master in Digital Humanities anfangen werde. Dann bin ich für 6 Wochen mal wieder nach Asien geflogen, genauer nach Sri Lanka und Indonesien. Die Vielzahl an Erlebnissen, die ich dort erlebt hab, lässt sich kaum in Worte fassen, so habe ich immerhin ein ganzes Buch als Reisetagebuch vollgeschrieben. Und da das zu viel ist um es alles abzutippen, gibt es nur ein paar Ausschnitte daraus: ich nehm dich mit - mit auf meine Reise...


~ SRI LANKA ~

15. August -  Tag 3: Colombo - Kandy

Viel zu spät quälen wir uns hoch aus unseren Hostelbetten, packen und steigen die Treppe zur Dachterrasse hoch, wo es Frühstück geben soll. Frühstück heißt in diesem Fall kalte Nudeln, Reis und scharfe Soßen und Curry-Pampe, dazu Krümelkaffee mit Milchpulver... Wir essen nur des Hungers wegen, checken aus und stellen fest, dass wir nicht mehr genügend Bargeld haben für die TukTuk-Fahrt zur Zugstation und dazu auch noch viel zu spät dran sind - Anfängerfehler! Wir müssen uns wohl erst noch ans Reisen wieder gewöhnen. Nach der üblichen hitzigen Diskussion um den  Preis quetschen wir uns mit unseren riesigen Rucksäcken ins viel zu kleine TukTuk auf die Rückbank und haben schon die ersten Schweißperlen auf  der Stirn, obwohl es noch nicht mal 8 Uhr ist. Nach langem Zureden, der zehnten Wiederholung des Wortes "ATM" und wildem Gefuchtel schaffen wir es den TukTuk-Fahrer einzubläuen, dass er an einem Geldautomat halten muss, wo Lena rausspringt um Geld abzuheben. Natürlich spuckt dieser ATM nur einen 5.000 Rupien Schein aus, was in diesem Land einem 500 Euro Schein gleichzukommen scheint, wenn es darum geht, Wechselgeld zu haben. Genau genommen sind es aber nur umgerechnet 30 Euro. Das heißt wir kommen am Zugbahnhof an, 10 Minuten vor der geplanten Abfahrt und müssen verzweifelt versuchen, diesen Schein irgendwo zu wechseln... Aber wahrscheinlich wäre es einfacherer alle Leute in der Schlange vor dem Ticketschalter zu überreden jetzt nackt eine Polonäse durch ganz Colombo zu machen, als jemanden zu finden, der gewillt ist, den 5.000 Rupien Schein zu wechseln... Ich versuche dann an einem anderen ATM Geld abzuheben, in der Hoffnung, dass dieser kleinere Scheine ausspuckt und siehe da - Glück gehabt! Wir bezahlen also endlich den sehr entspannten Fahrer, und sprinten zum Bahnhofseingang. Der dortige Ticket-Durchreißer schaut auf unser Ticket und meint "No train. This no". Blanke Panik im Gesicht und unser etwas zu laut geratenes "What? WHY?" lässt ihn direkt laut lachen und er haut ein "joke" raus... Witztiger Humor, dummer Depp. Wir werden zum richtigen Gleis gefuchelt, und wie es so ist, kommt der Zug zwar immerhin pünktlich um 9.00 Uhr, bewegt sich aber vor 9.45 Uhr keinen Zentimeter. Wir sitzen auf den unbequemsten Sitzen des Jahrhunderts: mein Kopfteil ist nur noch zur Hälfte vorhanden und deswegen verfangen sich meine Haare ständig in dem Schaumstoff-Innenleben der einstigen Kopfstütze. Die Lehne ist so gerade und die Polster so hart, als wollte jemand die Passagiere bewusst quälen und zudem sitzen wir auch noch entgegen der Fahrtrichtung. Es hat gefühlte 180 Grad und natürlich ist der Zug auch komplett überfüllt. Das kann was werden... Als der Zug sich unter lautem Geächze langsam aus dem Bahnhof bewegt und nur minimal schneller wird über die Strecke, merkt man dass man es eben nicht mit einem guten deutschen ICE zu tun hat, sondern es sich eher anfühlt, als würde der Zug gar nicht auf Schienen fahren sondern eher einen unbefestigten Geröllhang heruntergeschoben werden.... Ich versuche zu dösen, aber da mein Kopf ständig gegen die Steinwand, die sich Sitz schimpft, schlägt und an mir auch ansonsten ein Wasserfall an Schweiß runterfließt, ist an schlafen eher nicht zu denken. Nach der Hälfte der Zugfahrt tauschen Lena und ich die Plätze und ich sitze dann am Fenster, kann dort meine schon halb abgestorbenen Beine aus dem Fenster hängen lassen und bekomme etwas Abkühlung durch den Fahrtwind. Die Landschaft ist sehr schön und der Zug schlängelt sich durch Reisfelder, Palmenwälder, durch unendliche Grünflächen auf denen Rinder grasen. Wir kommen durch kleine abgelegene Dörfer, wo Kinder barfuss "Fangen" im Lehmdreck spielen und streunende Hunde auf den Straßen dösen und sich von nichts und niemanden stören lassen. Die Sonne verschwindet hinter Wolken und auf einmal öffnet der Himmel seine Schleusen und kalter Regen klatscht mir ins Gesicht. Die Fenster kann (und will) man nicht zumachen, also heißt es nass werden. Aber wie es in Asien üblich ist, meldet sich auch bald die Sonne wieder zurück und taucht das Land in mystisches Licht. Nach vier Stunden Rückwärtsfahren ist mir nicht nur schlecht, sondern auch meine Geduld hat langsam aber sicher das Ende erreicht und ich bin mehr als froh, als wir unsere festgebunden Rucksäcke wieder aus den Gepäckfächern hieven können und endlich in Kandy aussteigen dürfen, um uns in das Meer von wartenden Taxi- und TukTuk-Fahrern zu werfen, die sich auf uns stürzen wie Tiere bei der Fütterung. [...]