Dienstag, 27. November 2012

Ankunft in Santiago: 12. Tag: 18. August 2012


Um 7.00 Uhr erklingen Kirchenchöre im Zimmer und wir werden vom Herbergsvater geweckt. Unglaublich, aber keiner ist heute früher aufgestanden und es hat auch kein einziger Wecker davor geklingelt! Das ist das erste Mal überhaupt, dass so etwas passiert.
Wir bekommen hier sogar noch ein kleines Frühstück, was aus Marias (spanische Kekse), Marmelade und Kaffee besteht. Spontan entschließen wir uns noch in die Morgenmesse zu gehen und den letzten gemeinsamen "Lauftag" zusammen mit Gott zu beginnen. Danach brauchen wir noch gut eine weitere halbe Stunde um vom gesprächigen Herbergsvater loszukommen und sind somit ziemlich spät dran. Wir laufen relativ gechillt und sind deswegen in der krassesten Mittagshitze immer noch nicht sehr weit. Es ist wirklich unglaublich heiß und es geht zudem auch noch konstant berg auf. Immer mehr Leute tauchen vor uns auf und irgendwann kann man wirklich von Massen sprechen. Ganze Gruppen, ohne Rucksäcke, auf zwei Stöcke gestützt, kriechen den Weg mit hochrotem Kopf entlang und sehen alles andere als glücklich aus. Obwohl wir zu neunt sind, es immer heißer wird und wir einen unglaublichen Wasserverbrauch haben, kommen wir gut voran. Als wir uns gerade einen steilen Berg hoch gequält haben, vorbei an einem Pärchen, das am Wegesrand sitzt und kurz vor dem Kollaps steht, sehen wir zum ersten Mal Santiago vor uns.
Wir machen eine Pause im Schatten der Bäume und genießen den Ausblick auf die Stadt. Von hier kann man sogar schon die Türme der Kathedrale sehen und es drängt uns bald vorwärts. Wir marschieren weiter und erreichen bald die ersten Häuser Santiagos. Quer durch die Stadt mit immer weniger werdenden Pfeilen ziehen wir Schritt für Schritt vorwärts, der Kathedrale immer ein Stück näher kommend! Wir laufen durch einen Park, sammeln uns noch einmal richtig und wissen jetzt, dass wir es gleich geschafft haben. Das Gefühl ist unbeschreiblich, es ist so befreiend, es macht einen unglaublich glücklich und zaubert mir ein riesiges Grinsen aufs Gesicht. Man würde am liebsten den ganzen Touristen entgegen schreien: Seht her, wir haben es geschafft, wir sind 240 km gelaufen, und jetzt sind wir hier!
Irgendwann tauchen die Türme der Kathedrale vor uns auf und gleich darauf stehen wir auf dem Kathedralenplatz. Auch wenn ich hier schon mal stand, bin ich wieder total geflashed von der Größe und der Schönheit der Kathedrale. Es ist ein unglaublich gutes Gefühl auf diesem riesigen Platz zu stehen, zu wissen, man hat sein Ziel erreicht, und wir fallen uns alle in die Arme. Wir setzen uns in den Schatten des Platzes, schauen auf die Kathedrale und feiern uns einfach selber ein bisschen. Nach etwa einer Stunde einfach dort sitzen und die Kathedrale anstarrend, rappeln wir uns hoch und machen einen Abstecher in die Kirche, wie es sich gehört. Danach geht es ab zum Pilgerbüro um uns unserer Compostela abzuholen. Auch hier ist es nicht die erste Compostela, die ich in Händen halten darf und doch ist es wieder etwas ganz besonderes.
Durch Zufall finden wir ein kleines Hostel, sehr zentral gelegen, in dem wir zu neunt unterkommen. Wir belegen drei Zimmer, mit 4, 3 und 2 Betten zum billigen Schnäppchen von 13 Euro pro Person. Es ist zwar alles mehr als einfach, sehr hässlich gestaltet und in dem Vierbett-Zimmer, in dem ich schlafe, bekommen wir unsere Rucksäcke nur knapp noch rein. Aber wenn man bedenkt, dass die Alberguen hier in Santiago auch schon 10 Euro kosten und man in einem riesigen Schlafsaal am Rande der Stadt untergebracht wird, ist das dagegen wirklich super. Dazu gibt es zwei saubere Bäder mit jeweils einer Dusche und wir waschen erstmal die zentimeter-dicke Schweißkruste von uns ab. Danach schlendern wir durch die Stadt, essen Döner und finden eine tolle Tapasbar, die sehr billig ist und trinken dort unsere ersten Biere.
Wir ziehen danach von Bar zu Bar, feiern, spielen Trinkspiele und landen irgendwann in einer Bar mit Tanzfläche, wo wir länger bleiben, ausgelassen tanzen und unseren Füßen den Rest geben. Irgendwann haben wir genug und wanken auf den Kathedralenplatz, um uns dort die Kathedrale auf dem Rücken liegend, "falsch herum" bei Nacht anzuschauen. Mein schlaues Buch meinte, dass sei ein Muss. Leider müssen wir feststellen, dass wir wohl zu spät dran sind und die Kathedrale schon nicht mehr angestrahlt wird. Als uns langsam kalt wird, gehen wir zurück ins Hostel, was zum Glück in einer Nebenstraße der Kathedrale liegt, und schlafen sofort ein.

 

Hebrón - Santiago de Compostela:
25,6 km

Samstag, 24. November 2012

11. Tag: 17. August 2012


Für unsere heutige Etappe haben wir uns etwas besonderes vorgenommen. In meinem schlauen Buch wird von einem Kloster berichtet, dass etwas abseits vom Weg liegt, aber einen besonderen Flair bietet. Da ich auf meiner letzten Pilgerreise mit meiner Mama auch schon in einem Kloster übernachtet haben und es da wirklich toll war, bin ich sofort dafür den Umweg von 12km in Kauf zu nehmen. Außerdem entgehen wir so dem Kampf um Leben und Bett.
Entspannt und gut gelaunt stehen wir auf und starten zusammen mit den drei Katalanen durch. Die sind nicht die schnellsten Läufer und fallen immer weiter zurück. So schlendern wir irgendwann gemütlich durch grüne Wälder, über kleine Wege, die uns durch Felder und Wiesen führen, entlang an Bächen bis hin zu einer kleineren Stadt führen. Dort machen wir eine Kaffeepause, Marc verschlingt zwei Eis und wir decken uns in einem Supermarkt mit dem Nötigsten ein. Das Kloster liegt nämlich mehrer Kilometer vom nächsten Laden entfernt! Kurz hinter dem Städtchen trennt sich unser Weg von dem eigentlichen und nur dank dem schlauen Buch finden wir die Abzweigung zu dem winzigen Trampelpfad, der uns zum Kloster führen soll. Es geht "Kleiner-Finger-wo-bist-du" singend mitten durch Gestrüpp hinab zu einem großen Fluss, der sich durch einen dicht bewachsenen Wald schlängelt. Irgendwann führt uns der Weg aus dem Wald heraus und wir befinden uns fast in einer anderen Welt. Es scheint als wären wir grad ein paar hundert Jahre in die Vergangenheit gereist. Wir kommen über Kieswege an alten Steinhäusern vorbei, durch Maisfelder und überqueren dann den Fluss über eine alte Steinbrücke.
Kurz danach stehen wir vor der schönen Kirche vom Kloster Hebrón. Es ist erst 14Uhr und wir müssen noch zwei Stunden warten, bis wir rein dürfen. Ich döse in der Sonne, schreibe Tagebuch und genieß den leichten Wind, der die Sonne erträglich macht. Als die Türen des Klosters aufgehen, sind wir insgesamt 25 Leute (wobei unserer Gruppe ja schon aus neun Leuten besteht), obwohl es eigentlich nur 20 Betten gibt. Das ist dann nach anfänglichen Bedenken des Herbergsvaters auch kein Problem, die Katalanen wollen einfach auf dem Boden schlafen. In der Nähe des Klosters befinden sich zwei kleine Becken, die mit eiskaltem Flusswasser gefüllt sind und die dann auch wirklich fast alle zum Baden animieren.
Der Anblick des leicht grünen und arschkalten Wassers begeistert mich aber weniger - zur Entspannung der Füße allerdings ein Traum! Morgen werden wir in Santiago ankommen, also ist das hier unser letzter gemeinsamer Tag in einer Albergue. Umso mehr genießen wir den Mittag, entspannen in der Sonne, lassen die Seele baumeln, spielen Wizzard und erfreuen uns an den zwei Eseln, die zum Kloster gehören und hier frei rumlaufen. Noch vor dem Essen gibt es dann einen kleinen Gottesdienst in der Kirche, der von zwei Mönchen geführt wird. Ich verstehe zwar nicht viel, und habe auch schon spannenderes erlebt, aber ich genieße die Ruhe und Geborgenheit, die die Kirche ausstrahlt. Außerdem fasziniert mich die Tatsache, dass hier wirklich noch Mönche leben, die hier jeden Tag zwei Mal Andacht halten und ansonsten ziemlich abgeschottet vom Rest der Welt leben.
Nach der Messe gibt es ein gemeinsames Abendessen bei dem Spaghetti mit Bolognese ein Gläschen Wein und Obst zum Nachtisch serviert wird. Der Abwasch wird durch Losverfahren bestimmt, aber ich bleibe verschont. Diese Albergue ist mal wieder nur auf Spendenbasis und wird von Freiwilligen geleitet. Ich bin immer wieder begeistert, dass es so etwas wirklich gibt und dass es sich auch langfristig halten kann.
Wir sitzen noch ein bisschen zusammen und plaudern bevor wir dann irgendwann alle in unsere Betten fallen, die in dem kleinen aber sauberen Schlafsaal aufgereiht sind.

 
Caldas de Reis - Hebrón:
19,9 km

Donnerstag, 22. November 2012

10. Tag: 16. August 2012

Wir starten wieder mal sehr früh durch, snacken kurz und laufen bei leichter Dunkelheit los. Den Anfang vom Weg kennen wir schon, denn das ist der Weg in bzw. durch die Stadt, den wir gestern Mittag schon gelaufen sind. Es gibt wohl nicht viel, was ich ätzender finde, als den gleichen Weg mehrmals zu laufen! Straßenlaternen leuchten den richtigen Weg aus und nachdem wir eine alte Brücke überquert haben, führt der Weg "langsam" aus der Stadt heraus. Alles andere als langsam sind die Jungs heute mal wieder drauf - neues Rekordtempo!
Immer wenn ich denke, es geht nicht schneller, belehren sie mich eines besseren... Am Anfang halte ich ganz gut mit, während der Weg mal wieder durch weite Weinlandschaften führt. Aber irgendwann bekomme ich starke Sehen- und Knieschmerzen und das bei dem Tempo... Immer mal wieder verschiedene Schmerzen an verschiedenen Stellen zu haben, bringt einfach eine schöne Abwechslung und immer neue Überraschungen - sonst wäre es ja auch viel zu einfach... In diesem Fall ist es besonders witzig, weil mich bei jedem Schritt ein unglaublicher Stich im linken Knie und beim nächsten Schritt am rechten Fuß durchfährt. So hab ich sogar bei jedem Schritt Abwechslung! Anfangs kommen wir noch super schnell voran, aber mit der Zeit trennt sich die Gruppe immer mehr auf. Nach und nach verlassen die meisten mein Sichtfeld, nur Michi passt sich netterweise mit den Worten "Ich kann heute auch nicht schneller" meinem Tempo an. Die anderen schießen davon und rennen mehr, als dass sie laufen. Auf den ganzen 22km haben wir nur am Anfang eine kurze Pause gemacht und so hinke ich mit Michi gegen 11.30Uhr völlig geplättet vor die Albergue in Caldas de Reis. Dort sitzen bereits die anderen, die schon seit mindestens einer Halbe Stunde hier chillen und wir reihen uns in die Schlange ein. Die Albergue ist nicht die Größte, und nur 15Minuten nach unserer Ankunft, sind alle Betten belegt. Es ist wirklich schrecklich überlaufen und die Albergue verlangt 5 Euro für ein Bett in einem dunklen hässlichen Raum, ohne Küche oder ähnliches, mit ein paar provisorischen Toiletten und einer Mini-Gemeinschaftsdusche, aus der nur eiskaltes Wasser kommt. Das ist wirklich die schäbigste Albergue in der wir bisher waren, und es reut mich dafür 5 Euro zu zahlen. Da hatten wir schon Unterkünfte auf Spendenbasis, die dagegen Luxus waren.
Nach der schnellsten Dusche meines Lebens begeben wir uns mal wieder auf Essenssuche und finden einen netten Pizzaladen. Wir stärken uns mit Bier und leckerer Pizza und schlendern dann weiter durch das kleine Städtchen. Caldas de Reis ist bekannt für seine heißen Thermalquellen, die schon von den Römern genutzt wurden. Wir kommen an einem alten Becken vorbei, dass früher zum Wäsche waschen benutzt wurde und mit warmen Thermalwasser gefüllt ist. Das Wasser hat optimale Temperatur und wir lassen unsere gequälten Füße darin entspannen. Zufällig finden wir einen kleinen Laden, der trotz Feiertag noch offen hat und decken uns mit Süßigkeiten, Eis und anderem ungesunden Zeug ein.
Zurück in der Albergue spielen wir dann mal wieder eine Runde Wizzard, und es ist echt erstaunlich, dass das Spiel mir auf einmal Spass macht, wo ich doch immer so eine Abneigung dagegen hatte.
Gegen später gehen wir dann in die Bar, die direkt neben der Albergue liegt und die der Hospitalera gehört. Dort gesellen wir uns zu Tim (einem Deutschen) und 3 irischen Mädels, die jetzt schon alle mehr als nur angetrunken sind. Wir haben sie vorhin in dem Pizzaladen schon angetroffen, wo sie schon mehrere Liter Bier mittags runtergezogen haben. Und anscheinend sitzen sie hier auch schon länger und trinken ein Vodka-Lemon nach dem anderen. Dementsprechend gut sind sie dann auch drauf. Wir schließen uns mit ein paar Bier an und ich bin mal wieder erstaunt, wie schnell die Sonne, die körperliche Anstrengung und die Ausgelassenheit mir auch schon nach einem Bier einen Schwips bescheren. Die drei katalanischen Mädels stoßen dann auch noch dazu und wir sind eine echt große laute heitere Runde. Die irischen Mädels und der total volle und inzwischen ziemlich peinliche Tim verabschieden sich dann irgendwann und wir verlegen unsere Runde nach drinnen um noch was zu essen.
Angeschwippst, vollgefressen und total müde wanken wir nach Hause nachdem wir jubelnd fest gestellt haben, dass die vollen Iren alle Getränke, auch unsere, bezahlt haben. Danke euch! Normalerweise schließen die Alberguen schon so gegen 9 Uhr, aber hier bleiben die Türen einfach offen. Also wanken wir für unsere Verhältnisse sehr spät - sprich um 11 Uhr - zurück in unsere Betten.

 
Pontevedra - Caldas de Reis:
22,7km

Montag, 19. November 2012

9. Tag: 15. August 2012

Um 4.45 Uhr klingelt der erste Wecker - alles klar! Da stehen doch wirklich irgendwelche Wochenendpilger schon auf und machen sich laut raschelnd und schnatternd auf den Weg. Ich weiß nicht, was mich mehr schockiert: dass sie um diese Uhrzeit aufstehen oder dass sie auch noch munter genug sind, um zu plappern. Ab da gibt es kein Halten mehr und das Weckerkonzert geht los. Um halb sieben ergeben wir uns und laufen nach einem kleinen Frühstück - noch bei Dunkelheit und Nieselregen - los. Wir kommen schnell voran und überholen einen Frühaufsteher nach dem anderen. Zwischendrin retten wir noch mehrmals Pilger die Abzweigungen übersehen haben - und das obwohl es diesen ungeübten Wochenendpilgern recht geschehen würde... Landschaftlich ist dieser Teil des Weges mal wieder total schön. Zwar führt der Weg mehrmals steil aufwärts, dafür werden wir aber mit einer tollten Aussicht belohnt. Links vom Weg können wir immer wieder das Meer sehen, wie es in der Morgensonne funkelt. Nach dem steilen Aufstieg kommt bekanntlich der steile Abstieg, der uns durch malerische süße Dörfer führt, die gerade einem Bild entsprungen sein könnten.
Nach einigen Kilometern, viel dummes Gelabere und längere Diskussionen über "Lost" und "Herr der Ringe" kommen wir zu einer Bucht, die uns fast den Atem verschlagen lässt. Eine alte steinerne Brücke führt über das Meer, in dem sich der blaue leicht bewölkte Himmel und der grüne saftige Wald spiegeln. Es ist gerade Ebbe und ein paar verlassene Holzboote liegen auf dem schlammigen Grund, während sich die Sonne über den Hügeln im Hintergrund gekämpft hat und uns ein paar warme Strahlen schenkt. Wir machen eine Kaffeepause in einem kleinen Café am Ende der Brücke.
Danach geht es gnadenlos im "Renntempo" der Jungs die Berge rauf. Meine Weggefährten haben nämlich die Theorie entwickelt, dass man Berge schnell hoch laufen muss, dann wird es einfacherer. Ich kann weder der Theorie, noch ihnen folgen und sehe dabei zu, wie sie die Berge hoch schießen. Ich schnaufe wie ein Walross und mein Kopf scheint zu platzen. Außerdem kommt Schweiß aus Poren, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt. Ich versuche meine Beine händisch weiter zu lüpfen - Schritt für Schritt - und gleichzeitig die Jungs möglichst nicht lange warten zu lassen.
Nachdem wir endlich die Berge hinter uns gelassen haben, mein Kopf wieder eine einigermaßen normale Farbe angenommen hat und das Hecheln langsam leiser wird, kann ich wieder mithalten und es geht weiter über Feldwegen und kleineren Sträßchen. Die Jungs laufen zu neuen Höchstformen auf, getrieben von der Angst kein Bett zu bekommen. Ziemlich genau vier Stunden, eine Mittagspause und knapp 18km später, kommen wir gegen 11 Uhr an der Albergue an und reihen uns brav in die Rucksackreihe vor dem Eingangstor ein. Heute geht alles sehr "deutsch" und geordnet zu, jeder Neuankömmling wird genau begutachtet und es wird sofort kontrolliert ob er sich auch richtig einreiht - jeder hat wohl aus dem gestrigen Theater gelernt. 13 Pilger sind bereits da und wir haben somit die Sicherheit auf jeden Fall einen Platz zu bekommen. Wir verbringen die zwei Stunden bis zur Öffnung der Tore dösend oder vespernd auf dem Boden. Pünktlich um 13 Uhr gehen die Türen auf und wir bekommen in einem kleinen engen Raume eines von insgesamt 50 eng gestellten Stockbetten zugeteilt. Und ab geht es in die Gemeinschaftsdusche, in der ich Dinge sehen und ertragen muss, die ich wohl nie wieder in meinem Leben vergessen werden kann.
Nach einem kleinen Nickerchen ist der Schock dann auch etwas abgeklungen und wir entschließen uns die zwei Kilometer in die Stadt zu laufen. Allerdings kommen wir erstmal nicht an, weil wir auf dem Weg an einem Dönerladen vorbei kommen. Bei dem Anblick gibt es kein Halten mehr für die Jungs und die große Fresserei geht los. Pappsatt schlendern wir durch die Sträßchen der kleinen hübschen Stadt, wobei alle Läden geschlossen haben, weil mal wieder Feiertag ist. 
Und wieder mal fühlt sich alles so einfach und richtig an. Eines der wichtigsten Sachen, die ich hier von den Jungs gelernt hab, ist: "Es wird schon werden". Und wenn irgendwelche Probleme, Unklarheiten oder Unsicherheiten auftauchen könnten, dann heißt es einfach immer: "Probleme für später" und damit ist die Sache gegessen. Und das stimmt auch. Über das Meiste mache ich mir schon so früh Gedanken und quäl mich damit ewig rum, obwohl es sich dann meistens entweder von selber erledigt oder eh nicht früher geklärt werden kann.
Von den Fünf kann ich mir echt noch eine Scheibe in Bezug auf Gelassenheit abschneiden. Sie sind völlig verplant und unkoordiniert gestartet und kommen trotzdem damit durch. Man trifft hier nicht viele, die nur mit einem verwaschenen Fresszettel unterwegs sind, auf dem nur grob ein paar Kilometerangaben und Verweise auf Alberguen angegeben sind. Ich dagegen glänze mit meinem übergenauem Pilgerreisebuch, das mir jeden Stein und jede Unebenheit auf dem Weg per Meterangabe voraussagt. Und auch wenn sich alle am Anfang einig waren, dass man so ein Buch nicht braucht und es völlig überflüssig ist, schauen dann doch alle mit der Zeit selber regelmäßig in das Buch und lernen einige Details zu schätzen.
Auch unsere Rucksackinhalte unterscheiden sich doch etwas. Stand auf meiner Packliste Wäscheleine, Panzertape, Verbände und Medikamente, Sicherheitsnadeln, Taschenlampe, Essbesteck, Klappmesser und das ultra leichte Minimicrofaserhandtuch, so stand bei den Jungs wohl eher: 2 Bücher, Wizzard Kartenspiel, das große Badehandtuch, 2 Sonnenbrillen, die Lieblingscap und die extragroße Sonnencremetube. Christian hat sich dann auch noch für die besonders schwere aber dafür bequeme Isomatte entschieden, die alleine schon 3,5 kg wiegt. Während die meisten diese schon nach den ersten zwei Tagen beschwingt in den Müll befördert hätten, hat Christian seinen persönlichen Kampf daraus gemacht: Christian gegen 15kg-Rucksack. So viel sei hier schon gesagt - es war ein harter Kampf in dem beide viel einstecken mussten, aber letztendlich hat Christian den Sieg für sich entscheiden können: K.O.-Schlag am 12. Tag...
Und da der Weg nicht alleine schon anstrengend genug, die Berge nicht allein schon steil genug und der Rucksack nicht eh schon schwer genug ist, haben sich die Jungs gedacht, sie schleppen täglich auch noch mehrer Kilo Obst, Nutellagläser, ganze Brotlaibe und eine Auswahl an Aufschnitten mit.
Im Bezug auf Planlosigkeit und Gelassenheit muss an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass Michi, Florian und Marc ihren Hinflug nur bekommen haben, weil ihr Flieger eine Stunde Verspätung hatte. Und auch beim Rückflug war sich Marc lange Zeit nicht sicher, ob er sich überhaupt einen gebucht hatte...
Zurück in der Albergue mal wieder die Zeit mit Nichts-Tun verbracht, einen Happen essen gegangen und dann völlig platt um 21.30 ins Bett fallen lassen.


Redondela - Pontevedra:
17,5 km

Sonntag, 18. November 2012

8. Tag: 14. August 2012

Mein erster richtiger Gedanke heute morgen ist: 8. Tag schon: krass! Ich merke langsam immer mehr, dass ich endlich eingelaufen bin und dass mir das loslaufen leichter fällt. Außerdem sind unsere Etappen der letzten Tagen - so wie heute auch - ziemlich kurz. Wir  haben festgestellt, dass wir relativ viel Zeit haben und nicht hetzten müssen. Zudem liegen die Alberguen meistens auch so, dass wir entweder sehr große oder ziemlich kleine Etappen laufen müssten. Wir stehen um halb Sieben gemütlich auf und laufen heute zu dritt weiter. Davíd ist gestern bereits 5 km weiter gelaufen als wir und Florian und Marc sind heute jeweils alleine in den Tag gestartet. So machen Michi, Christian und ich uns auf, den grauen und niessligen Morgen mit Fröhlichkeit und Zoeys "Kleiner-Finger-wo-bist-du-Lied" zu erfüllen. Erst führt der Weg direkt an einer Schnellstraße lang und wir zittern jedes Mal von neuem, wenn ein Laster mit 100km/h einen Meter von uns entfernt an uns vorbei brettert. Zum Glück können wir relativ schnell die große Straße hinter uns lassen und befinden uns bald wieder auf kleineren Straßen, die sich durch Dörfer und Felder schlängeln. Völlig überraschend stehen wir plötzlich in dem kleinen Dorf Mos, wo wir auf Marc und Davíd treffen, die sich hier gerade auf den Weg mit den drei Katalanen machen. Wir legen erst einmal eine Kaffeepause in einer winzigen Supermarkt-Bar-Kombo ein.
Bisher hat sich die Sonne nicht blicken lassen, aber genau dieses Neblig-graue erzeugt irgendwie eine mystische Atmosphäre. Plaudernd und gut gelaunt schlendern wir weiter durch die hüglige Landschaft, durchqueren Wälder, lassen alte Dörfer hinter uns und finden uns plötzlich am Ortseingang von Redondela wieder. Wir sind trotz unserer heutigen Gemütlichkeit sehr früh dran und stehen bereits um 11 Uhr vor den verschlossenen Türen der Albergue. Auch die anderen von unserer Truppe sind bereits da und auch hier kann man deutlich die Anwesenheit der dutzenden Wochenendpilger merken. Der Platz vor der Albergue füllt sich nach und nach immer mehr und wir ahnen schon, dass es heute eng werden könnte mit den Plätzen. Als es anfängt zu regnen, leert sich das Ganze wieder etwas, aber wir verharren unter meiner Isomatte und warten auf die Öffnung der Albergue.
Als die Türen um 13 Uhr dann aufgehen, beginnt ein Rennen um Leben und Tod. Die ganzen nassen Pilger drängen sich eng an eng in dem kleinen Vorraum und jeder versucht seinen Platz zu sichern. Ein riesiger Tumult entsteht und die kleine Hospitalera versucht mit ihrem quäkigen und unverständlichen Spanisch für Ordnung zu sorgen. Sie will wissen, wer der Erste heute vor der Albergue war, woraufhin ein hektisches und lautes Aufzeigen auf Florian entsteht: "El Primero, el Primero" raunt es durch den ganzen Raum, während alle Blicke und Finger zu Florian wandern. Der kann aber kein Wort Spanisch und bekommt es langsam mit der Angst zu tun, was die alle von ihm wollen. Nachdem "el Primero" gekürt ist, werden alle nach draußen bugsiert und nach einander mit Nummern ausgestattet wieder hereingeleitet. Hier entstehen kleine Auseinandersetzungen, Flüche und Wutausbrüche, aber nach langem hin und her stehen wir alle in einer Reihe und bekommen nach langem Warten endlich unsere Betten. Diese Erfahrung schockt uns alle - es ist wirklich wie im Krieg und das war erst der Anfang.
Die Albergue ist in einem Altbau, sehr schön gestaltet und glänzt durch die Kombination von altem traditionellem Haus und neuen modernen Räume. Gerade das Bad zaubert ein Lächeln auf mein Gesicht, so neu und sauber!
Mit "El Primero" in unserer Mitte schauen wir uns die Stadt an, wandern zum Meer, trinken Bier und essen eine Kleinigkeit, bevor wir uns dann mal wieder einen Mittagsschlaf gönnen.
Gegen Abends gehen wir dann gemeinsam einkaufen und Marc zaubert uns ein herrlich leckeres Curry zum Abendessen. Zur Krönung unserer Majestät des "El Primero" gibt dieser eine Runde Bier aus und wir fallen schon bald total müde in unserer Betten.

 
O Porriño - Redondela:
15,4 km

Donnerstag, 15. November 2012

7. Tag: 13. August 2012

Die Nacht war durchwachsen und ich wurde mehrmals von der grölenden Jugend vor unseren Fenstern geweckt, die wohl ein oder zwei Bier zu viel hatten und sich gerade auf dem Heimweg aus der Disko befinden.
Da unsere Tagesetappe heute aber nicht besonders lang werden wird, gönnen wir uns heute ein bisschen "auszuschlafen" und stehen erst um 7.00 Uhr auf. Jeder der mich kennt, weiß, dass ich normalerweise 7.00 Uhr als tiefste Nacht bezeichnen würde und niemals freiwillig meinen müden Körper um diese unchristliche Zeit zum Aufstehen zwingen könnte, aber hier ist das einfach was anderes. Dadurch, dass normalerweise um 5.00 Uhr schon die breite Masse anfängt dich um deinen Schlaf zu bringen und du unterbewusst die Panik bekommst, weil du noch im Bett liegst, steht man halt notgedrungen gegen 6.00 Uhr auf. Wenn man aber nun schon gestern um 21.00 Uhr im Bett lag, ziemlich gut geschlafen hat und man erstaunlicherweise nicht vor dem eigenen Weckerklingeln geweckt wurde, kann selbst ich um 7.00 Uhr relativ gut gelaunt und ausgeschlafen aufstehen. Wir packen in Ruhe unsere Rucksäcke zusammen, was auch eine Kunst für sich ist, die Gewichte gleichmäßig und geschickt zu verteilen. Weniger knifflig ist die tägliche Kleidungswahl - man hat ja schließlich nur eine Hose zum Laufen und bei der Auswahl zwischen zwei Oberteilen, nimmt man stets das, welches weniger stinkt - das braucht also immer nicht so lange...
Keine zweihundert Meter von unserer Albergue entfernt, gönnen wir uns erstmal in einer Bar ein Frühstück in Form von Tostadas mit einem Café con Leche und einem frisch gepressten Orangensaft für gerade mal zwei Euro - ein guter Start in den Tag. Gut gelaunt schlendern wir dann den gelben Pfeilen und Muscheln folgend den Weg entlang, begeleitet von der Musik aus Florians Boxen, die er sich heute oben auf den Rucksack geschnallt hat.
Wir haben heute nur eine kurze Strecke vor uns und lassen uns daher Zeit. Anfangs verläuft der Weg noch durch Wälder und man könnte grad meinen, wir wären heute in Deutschland auf irgendwelchen Feld- und Waldwegen unterwegs. Nach einer kurzen Kaffeepausen in einem Restaurant ändert sich die Umgebung aber blitzartig und wir finden uns auf einmal in einem hässlichen Industriegebiet wieder, dass sich endlos vor uns erstreckt. Das ganze wird noch ätzender durch die Tatsache, dass sich die Menge der "Pilger" hier unheimlich verdichtet hat. Wir befinden uns ja jetzt auf den letzten 100km und meine geliebten Wochenendpilger säumen den Weg, als gäbe es irgendetwas kostenloses.
Es geht ewig an der Straße entlang, vorbei an Fabriken und Lagerhallen und je hässlicher es wird, desto mehr schlaucht der Weg uns. Irgendwann lassen wir die Industriestadt hinter uns und wer jetzt denkt, dass die Strecke sich verbessert, ist leider auf dem Holzweg. Die Industriestadt mündet nämlich praktisch direkt in der hässlichen grauen alten Vorstadt von O Porriño. Durch die langgezogene graue triste Vorstadt zu laufen, raubt mir die letzte Kraft und ich bin mal wieder froh die Jungs zu haben, die wenigstens ein bisschen Ablenkung bieten -und zusammen leiden, ist irgendwie auch angenehmer. Wie kleine quengelnde Kinder laufen wir maulend den Weg lang und kommen entkräftet um Punkt 1.00 Uhr vor der globigen Albergue direkt neben der Autobahn an. Wir müssen ewig anstehen, weil sich vor uns bereits eine lange Schlange bestehend aus lauter unbekannten Gesichter gebildet hat. Bisher war es immer so, dass wir  immer die gleichen Leute vor der Albergue getroffen haben, aber jetzt stehen hier 20 Leute, die wir noch nie gesehen haben und mit denen man auch nicht ins Gespräch kommt - es sind einfach zu viele Neue und es scheint als bleiben diese auch lieber unter sich. Wir sind es gewöhnt, mal jemand neues zu treffen, man kommt immer total schnell ins Gespräch, klärt die typischen Pilgerfragen und sieht sich von da an immer wieder und tauscht sich aus. Doch die Wochenendpilger sind da anders.... Als wir endlich unseren Stempel in der Credencial, die 5 Euro bezahlt und ein Bett zugewiesen bekommen haben, suchen wir unsere Betten in dem kleinen Schlafraum. Die Betten hier stehen unglaublich eng zusammen, es ist alles sehr kühl und unpersönlich gestaltet, aber immerhin gibt es wieder Einwegbettbezüge.
Frisch geduscht laufen wir in die "Altstadt" zurück, müssen in zwei Bäckereien Stopps für Marc einlegen, essen eine Kleinigkeit und suchen uns dann einen Supermarkt um das Abendessen einzukaufen. Auf dem Rückweg zur Albergue treffen wir drei andere Deutsche wieder, die wir bereits in Rubiães kennengelernt haben. Die drei Jungs sind - sagen wir mal -etwas ungepflegter und chaotischer als wir unterwegs, aber sehr nett und wir plaudern länger mit ihnen. Sie sind nach Portugal getrampt, waren erstmal 10 Tage auf einem Schranz-Festival, auf dass sie ohne Ticket eingestiegen sind, und sind dann weiter nach Porto getrampt und haben auch dort ihnen Weg begonnen. Sie stehen nie vor acht Uhr auf, laufen dafür aber wohl ziemlich schnell und weit - müssen heute aber auf dem Boden im Aufenthaltsraum schlafen, weil die Albergue schon voll war, als sie ankamen.
Zum Zeitvertreib packen wir mal wieder Wizzard aus, trinken ein Bier und vespern dann draußen auf der Veranda der Albergue mit Blick auf die hässlichen grauen Plattenbauten. Während wir den Abend gemütlich ausklingen lassen wollen, werden wir von einem fünfjährigen Deutschen Mädchen genervt, die hier mit ihrer Mutter und deren Bruder unterwegs ist. Die drei haben wir schon früher öfters gesehen, konnten bisher aber längeren Kontakt erfolgreich meiden. Das Kind ist völlig hyperaktiv unterwegs und nicht zum ersten Mal frage ich mich, wie man auf die Idee kommt mit so einem Kind, in dem Alter, den Jakobsweg zu laufen bzw. zu schieben, denn die Kleine wird von ihrer Mutter in einem Kinderwagen über den Weg geschoben. An diesem Abend bringt das stressige Kind namens Zoey Marc ein Kinderlied bei, dass uns von da an den restlichen Weg begleiten wird: "Kleiner Finger, wo bist du? Hier bin ich, hier bin ich! Guten Tag, guten Tag, guten Tag. Ringfinger, wo bist du? Hier bin ich, hier bin ich! Guten Tag, guten Tag, guten Tag. Mittelfinger, wo bist du? ..." ein absoluter Ohrwurm, der von da an rund um die Uhr in unseren Köpfen gesummt wird - na danke Zoey.
Als das nervige Kind endlich ins Bett muss, bleibt uns etwas Zeit die Stille zu genießen und jeder versinkt schweigend in seine eigenen Gedanken. Ich lerne hier jeden Tag wie stark ich bin, dass ich auf mich stolz sein und dass ich auch ungeschminkt und mit zersaustem Haar mich wohlfühlen kann. Ich frage mich jeden Tag mindestens ein Mal: "Bin ich glücklich?" und ich kann bis jetzt jedes einzige Mal mit voller Überzeugung sagen: "Ja, bin ich". Ich genieße die Tage, die so anstrengend und reduziert auf das Nötigste sind, aber mir gleichzeitig irgendwie solch eine innere Ruhe geben. Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, total alleine zu laufen, aber im Moment "geben" die Jungs mir so viel und ich bin mit ihnen nur am lachen. Gerade will ich echt nicht drüber nachdenken müssen, dass ich mich schon so bald von den Jungs wieder trennen muss - dass unserer Weg zusammen so bald zu Ende sein wird.

 

Tui - O Porriño:
16,1 km

Mittwoch, 14. November 2012

6. Tag: 12. August 2012

Es geht mal wieder früh raus - wer hätte es gedacht?! Es klingeln bestimmt 20 Wecker, alle paar Sekunden geht ein anderer und es wäre fast witzig diesem Konzert zuzuhören, wäre es nicht 5.30 Uhr morgens... Als das Licht um 6.30Uhr angeschaltet wird, gebe ich auf und raffe mich von meinem Bett hoch. Wieder einmal beneide ich all die munteren und gut gelaunten Leute um mich rum - wie kann man nur so fröhlich drauf sein, um so einer unchristlichen Uhrzeit? Ich würge eine Banane runter und laufe noch vor den Jungs los, die sich mal wieder ein 5-Gänge-Frühstück geben. Es soll heute hüglig werden, hat mein schlaues Buch mir vorausgesagt und etwas demotiviert laufe ich grummelnd los. Aber anstatt, dass es aufwärts geht, geht es erstmal abwärts und das ist sehr unschön und geht in jeden Muskel. Zum Ausgleich hält sich dann wenigstens der Anstieg danach in Grenzen und ich komme ohne größere Probleme den steinigen Hang hinauf. Der Weg schlängelt sich weiter durch verschiedene Wälder, entlang an Bächen und hinunter in ein kleines Dorf. Dort kommt mir gerade eine Frau entgegen, die mich ausbremst und mit viel Handgefuchtel zu verstehen gibt, dass sie einen Stempel für mich hat. Während ich auf meinen Stempel warte, holen mich die Jungs wieder ein, und wir laufen nach einer genauen Belehrung über die örtliche Kirche gemeinsam weiter. Laufen ist in diesem Fall natürlich auch wieder die falsche Bezeichnung, denn eigentlich rennen wir eher. Trotz dem demotivierten Anfang heute morgen, kann ich heute gut mitlaufen und merke eigentlich gar nicht so sehr, dass wir neues Rekordtempo erreichen und nur so an der malerischen Landschaft vorbeifliegen.
Kurz vor dem Streik meiner Füße nach ungefähr 14km in knapp 2,5 Stunden kommen wir an einem Restaurant vorbei, wo wir erstmal Pause machen. Es gibt Kaffee, frisch gepressten Orangensaft und süße Teilchen für Marc. Danach geht es wie frisch geboren weiter. Man merkt doch gut, dass man langsam eingelaufen ist. Selbst nach längeren Pause laufe ich jetzt wieder menschlich los und nicht - wie am Anfang - wie ein eingerosteter Roboter mit Metallschaden. Wir laufen im guten Tempo weiter und kommen nach dem Durchqueren einer kleinen Stadt an die Brücke, die Portugal von Spanien trennt. Wir lassen Portugal unter fröhlichem Gesang unseres Spaniers Davíd hinter uns und freuen uns wieder in einem Land zu sein, in dem wir die Sprache können. In der Ferne ist breits unser heutiges Etappenziel Tui zu sehen, eine malerische kleine Stadt auf einem Hügel, die dort majestätisch über dem Fluss thront.
Beschwingt und gut gelaunt, das heutige Ziel vor Augen, quälen wir uns die letzten Meter die Altstadt empor zu unserer Albergue, die natürlich ganz oben liegen muss. Zusammen mit dem Spanier José sind wir die ersten und bekommen unsere Betten in einem hellen, sauberen Schlafsaal zugewiesen. Die Albergue ist ziemlich groß, aber eine der Schöneren und nach dem Duschen entspannen wir in der Sonne auf der kleinen aber feinen Dachterrasse mit Blick über die Weiten Spaniens. Und auch genau dort fängt José irgendwann an sich um die ekligen riesigen schwabbeligen Blasen seiner Mitpilger zu kümmern. Bis heute wache ich nachts auf, weil ich Alpträume von manch einem Pilgerfuß habe - manche Füße sind nur wirklich alles andere als hübsch anzuschauen! José hat eine bestimmte Technik um Blasen zu verarzten: er sticht sie auf, und näht in die Blase einen Faden ein, dann desinfektiert er sie und beauftragt dich zwei Mal am Tag an dem eingenähten Faden zu ziehen um weitere Flüssigkeit abzuleiten. Alles sieht ziemlich abartig aus, aber alle Patienten von José sind maßlos begeistert... 
Als unsere Mägen sich langsam knurrend melden, raffen wir uns auf, belasten mal wieder unsere geschundenen Füße und begeben uns auf die Suche nach etwas Essbarem. In einer Bar futtern wir Pommes und ich bestelle mein erstes Mahou mit Kaas - endlich! Ich muss sagen das portugiesische Bock-Bier war ja auch nicht schlecht, aber bei Mahou geht einfach traditionshalber mein Herz auf. Gestärkt schlendern wir danach durch die süße Stadt, und ich trenne mich dann von den Jungs. Ich möchte noch durch die Souvenirgeschäfte der Stadt und da stören die Jungs nur... Ich kaufe also einen schönen Fingerhut für meine Mama und besichtige dann die Kathedrale von Tui. Ich liebe es einfach in diesen großen dunklen und kühlen Kirchen zu sitzen, auf die riesigen Altäre zu schauen und immer weitere kitschige vergoldete Details zu entdecken. Es gibt mir eine Ruhe und gewisse Kraft dort in der Stille zu sitzen und mir klar zu machen, wie dankbar ich sein darf für alles: dass Gott mich soweit hat kommen lassen, dass er mir all die tollen Mitpilger mit auf den Weg geschickt hat, dass das Wetter bisher so gut war, dass ich diese tolle Landschaft hier sehen darf, dass ich gesund und stark genug bin, den Weg überhaupt zu gehen und für so viel mehr....
Ich bleibe noch eine Ewigkeit dort sitzen bevor ich aufstehe und eine Kerze für meine Familie anzünde, wie ich mir das angewöhnt habe, dies in jeder Kirche zu tun.
Als ich endlich wieder im Sonnenlicht stehe, merke ich erst, wie kalt es mir doch dort drinnen geworden ist und ich beschließe mich noch etwas in die Sonne vor der Kathedrale zu setzen und Tagebuch zu schreiben. Als die anderen dann an mir vorbeikommen, gehen wir gemeinsam zur Albergue zurück, halten noch einen späten Mittagsschlaf und müssen dann feststellen, dass es schon wieder Zeit zum Essen ist. Der Alttag besteht hier wirklich nur aus aufstehen, essen, laufen, snacken, laufen, duschen, ausspannen, essen, schlafen, essen, schlafen -  da kann man sich echt nicht beklagen.
Wir landen nach längerem diskutieren wieder in der gleichen Bar wie Mittags auch schon und bestellen zum ersten Mal auf dem Weg ein Pilgermenü: Salat, Spaghetti, Mousse ou Chocolate + Bier und Kaffee für 7,80 €. Verdient habe ich es mir auf jeden Fall mal... Hier treffen wir auch ein letztes Mal die Italiener (mit meiner alten Bekannten), die uns die ganze Zeit begleitet haben - sie nehmen morgen einen Bus von hier um schneller in Santiago sein zu können. Irgendwie macht das mich schon ein bisschen traurig, zu wissen, dass man sie nicht mehr wieder sieht. Immerhin hat man den Weg, Schlafräume, Küchen, und Erfahrungen bis hierhin mit ihnen geteilt und die Wahrscheinlichkeit sie je wieder zu sehen, geht gegen 0. Wobei wenn ich an Ms. Bretzel denke - nichts ist unmöglich!
Völlig vollgestopft und mit Tränen in den Augen von dem vielen Lachen, schwanken wir zurück in die Albergue. Sobald ich die Augen auch nur zugemacht habe, befinde ich mich schon gleich im Reich der Träume...

 
Rubiães - Tui:
19,3 km

Dienstag, 13. November 2012

5. Tag: 11. August 2012

Es geht früh raus - man kann in diesem riesigen Schlafsaal einfach nicht länger als 6.30 Uhr schlafen: Schlafsäcke zippen, Nasen werden hochgezogen, Wecker klingeln, Tüten rascheln, Matratzen schmatzen, Rucksäcke klappern, es wird getuschelt oder frei laut rausgeplappert.
Ich frühstücke etwas genervt eine Kleinigkeit und laufe dann noch vor den Jungs los. Die sind morgens immer etwas langsam, brauchen ewig und verputzen mehrgängige Menüs bevor sie sich dann endlich ihre Füßchen einpudern (gegen Blasenbildung) und ihre Schuhe schnüren.
Ich bin gut drauf, fühle mich fit und komme gut voran, außerdem ist die Landschaft ein Traum und alles erscheint fast wie gezeichnet. Diese ganzen kleinen Kuhdörfer auf dem Weg erscheinen so unreal, ich kann immer kaum glauben, dass hier wirklich Leute leben!
Als ich gerade an ein Café komme und abschnalle, holen mich die Jungs ein. Wir genießen unseren Kaffee, Mark probiert sich mal wieder durch Süßigkeiten und wir beobachten die an uns vorbeiziehenden Pilgertruppen. Nach der Pause machen wir uns gemeinsam wieder auf den Weg, aber ich merke heute, dass ich lieber mein eigenes Tempo laufen möchte und lasse mich langsam zurückfallen - wir sehen uns ja später in der Albergue wieder. Außerdem hat mein schlaues Buch heute einen hohen Berg vorausgesagt und da kann ich sowieso nicht mit ihnen mithalten und bleibe lieber bei meinem eigenem Tempo. Ich keuche und schnaube und schiebe mich langsam einen Berg hoch und weiß jetzt noch nicht, dass das nur der Anfang des Grauens ist. Der Weg verläuft weiterhin durchs Grüne, umrankt mit Weinreben und umgeben von Maisfeldern. Irgendwann beginnt dann der wirkliche Aufstieg und der lässt grüßen. Ich bin nach einem Kilometer bereits hochrot angelaufen, hechle als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen und bin völlig durchgeschwitzt - na das kann ja noch was werden. Kilometer um Kilometer geht es auf Schlammwegen berg aufwärts und ich muss immer wieder darüber staunen, wie viel ich schwitzen kann. Hinter jeder Kurve erhoffe ich ein Ende, aber stattdessen geht es nur noch steiler weiter.
Ich frage mich nicht nur einmal, ob es da nicht einen anderen Weg um diesen Kackhügel herumgegeben hätte.... Aber das Grauen kennt kein Erbarmen! Der Weg wird immer steiler und meine Beine geben langsam auf. Es ist nicht nur einfach steil, sondern auch noch steinig, man muss also auch noch genau drauf achten wohin man tritt und sich teilweise große Steine hochstemmen. Ich merke immer öfters, dass ich müde werde und dadurch unkonzentrierter und öfters umknicke oder abrutsche.
 Kurz vor dem völligen Kollaps komme ich endlich oben an und werde mit einer tollen Aussicht belohnt. Ich bin wirklich ziemlich hoch und fast schon ein bisschen erstaunt, dass ich es überhaupt so hoch geschafft habe. Ich lasse mich auf den Steinen nieder, hole mein Brot, den Streichkäse und den Tunfisch raus und beschwöre mich selber, das jetzt aber auch zu genießen nachdem ich das alles hier schon hoch geschleppt habe. Auf einmal scheint aber ein Gewitter aufzuziehen und ich beschließe lieber zügig weiterzulaufen - so weit das geht - um hier oben diesem nicht schutzlos ausgeliefert zu sein. Nach dem Aufstieg folgt bekanntermaßen also der Abstieg und der ist auch nicht angenehmer als das mühselige hier raufkrepseln. Im Gegenteil... beim Abstieg wird alles noch mal extremer belastet und mir tut alles weh.
 Ich muss mich wirklich zwingen weiter zu laufen und die letzten Kilometer ziehen sich in ungeahnte Länge. Das Wetter hält zwar, meine Laune aber nicht wirklich. Ich überquere eine Straße und lesen den gelben dort hin gepinselten Hinweis: noch zwei Kilometer bis zur Albergue. Wirklich? Ihr wollt mich doch verarschen! Nichts ist schlimmer, als wenn man denkt, man sei praktisch da, um dann festzustellen, dass es noch ganze zwei Kilometer sind. Ich schiebe mich langsam und schlecht gelaunt voran und zähle jeden Schritt. Endlich taucht vor mir ein Haus auf und ich beschließe, selbst wenn es nicht die Albergue sein sollte, keinen Schritt weiter als dieses Haus zu laufen. Ich kann aber hinter dem Haus dann gleich "meine" Jungs sehen, die hier schon seit einer Stunde etwa sitzen. Überhaupt ist relativ viel los - die Albergue ist noch zu - die komplette Pfadfindergruppe hat sich auch hier versammelt, läuft aber dann nach einer Pause weitere 10km weiter und verschwindet damit für immer aus unserem Blickfeld. Als die Türen der Albergue endlich aufgehen, beginnt das Gewusel um die Anmeldung. Die nette, schlichte, große und saubere Albergue basiert mal wieder auf Spendenbasis und bietet mir ein Bett von einem Doppelbett in einem kleinen Schlafraum mit ca. 30 Betten.
Weil uns mitgeteilt wird, dass ja Samstag sei - man verliert hier völlig den Überblick über Wochentagen und Daten - und der "Laden" von hier früher schließt, begeben wir uns ungeduscht und jammernd auf den Weg. Der Hospitalero meinte bis zum Laden seien es zwei Kilometer, ein anderer Pilger 500m und ein Dorfbewohner, den wir fragen drei. Wir haben uns inzwischen daran gewöhnt, dass die Entfernungsangaben nicht immer so präzise sind und dass man mindest 1km Schwankung immer mit einberechnen kann. Irgendwo zwischen 500m und 3km wird also die Wahrheit liegen - immerhin geht es erstmal berg abwärts. Nach ca. 1,5 km stehen wir vor einer Bar, die im hinteren Teil des Gebäudes noch einen winzigen Laden untergebracht hat. Für die Größe des Ladens ist die Auswahl der Lebensmittel aber gar nicht schlecht und wir haben uns daran gewöhnt einfach schon bestimmte Dinge schätzen zu wissen: Brot, Wasser, Bier oder Wein, Schinken oder Käse, und Obst und Gemüse - das reicht schon völlig aus um ein perfektes Abendessen zu zaubern.
Mit vollen Tüten kriechen wir die Straße wieder zurück, jeder eine Cola schlürfend und freuen uns auf die jetzt verdiente Dusche.
Den restlichen Tag dösen wir, lesen in der Sonne oder quatschen über Gott und die Welt. Die Jungs sind alle so unterschiedliche Persönlichkeiten, was es gerade so interessant macht mit ihnen zu laufen und Zeit zu verbringen. Florian zum Beispiel war schon an fast jedem erdenklichen Ort auf der Welt, hat ein absolut detailliertes Geschichtswissen und kennt jeden Film und kann zu jedem Film Regisseur und alle Schauspieler benennen. Und bei Michael beeindruckt mich immer wieder wie sehr wir uns ähneln. Wir haben in so vielen Dingen genau die gleiche Einstellung und Meinung und ich kann eigentlich immer voraus sagen, was er als nächstes sagen wird zu einem Thema. Ich bin echt froh diese Truppe getroffen zu haben und mit ihnen zusammen diese Erfahrungen teilen zu können!
Als ich dann aber Abends sehe, was sich die Gruppe Italiener zum Abendessen zaubern, frage ich mich kurz, ob ich mich nicht lieber ihnen anschließen hätte sollen, anstatt "meinen Jungs". Einer der Italiener ist Koch und kredenzt heute selbstgemachte Pizza, italienischen Kuchen und frischen Kaffee.... Himmel, da fließt einem dann doch das Wasser im Mund zusammen, wenn man selber vor einer kläglichen Stulle sitzt.

Ponte de Lima - Rubiães:
17,3 km

Freitag, 9. November 2012

4. Tag: 10. August 2012

Als ich meine Augen aufschlage, weiß ich es bereits: es wird ein Scheißtag.
Ich habe schlecht geschlafen, mir ist irgendwie übel und mir tut alles weg - keine guten Vorraussetzungen um loszulaufen! Ich schleppe mich mehr schlecht als recht vorwärts und bin auch sehr langsam, und das auch noch heute, wo eine längere Etappe ansteht. Ich muss feststellen, dass ich gerade so laufe, wie ich esse, wenn es mir nicht schmeckt. Ich schiebe mich dann von rechts nach links, wanke etwas, laufe irgendwie unkontrolliert und uneffizient - eben genau so, wie ich auf einem Stück Ekelessen rumkauen würde, weil ich mich selber nicht dazu bewegen kann, das eklige Ding herunterzuschlucken. Und genau so laufe ich heute auch... Ich muss jetzt nicht erwähnen, dass es die Sache nicht besser macht und dass mein "Mir-Schmeckt-Es-Nicht-Gang" mich nicht schneller ans Ziel bringt... Irgendwann kann sich Gott wohl mein trauriges Schauspiel nicht länger anschauen und ich treffe nach ein paar ätzenden Kilometern wieder zufällig auf die 5 Jungs. Ich schließe mich ihnen an und wir plaudern und rasen - ja, wirklich: wir rasen - über die Wege. Sie laufen viel schneller als ich, auch schneller wie ich an meinen guten Tagen laufen würde, aber ich lasse mich durch die Gespräche einfach mitziehen. Ich bin so konzentriert darauf, mit Schritt zu halten, nicht völligen Müll zu labern und nicht allzu auffällig zu hecheln, - wobei selbst ein Tauber mein Schnauben nach den Bergen hätte hören können - dass ich nicht wirklich merke, dass es mir eigentlich nicht so gut geht. Wir kommen super schnell voran und ich überlege mir, wie ich noch stundenlang missmutig vor mich hingehumpelt wäre und mich wahrscheinlich irgendwann in ein Weinrebenfeld gelegt hätte, um auf meinen Tod zu warten, wenn ich die Jungs nicht getroffen hätte. Bei solchen Gedanken komme ich zwangsläufig zu der Frage, ob das Glück, Zufall, Schicksal oder vielleicht die "Gnade Gottes" war. Ich entschließe ich mich in diesem Fall, dass es ein netter Gruß von Gott ist, der meinen "Es-Schmeckt-Mir-Nicht-Gang" genauso wenig ertragen kann, wie meine Mutter damals mein "Es-Schmeckt-Mir-Nicht-Kauen" am täglichen Mittagstisch.
Fast immer, wenn ich von meinen Plänen erzählt habe, den Jakobsweg zu laufen, wurde ich mit einer Mischung aus Entsetzen, Bewunderung und Verständnislosigkeit gefragt, warum ich das machen würde. Bei Vielen kam gleich danach die Frage: "Bist du so gläubig oder was?". Anfangs habe ich noch geantwortet "Ja, ich würde mich schon als sehr gläubig bezeichnen", aber irgendwann kam mir eigentlich, dass ich mich da ja selber etwas anlüge. Ich weiß noch genau den Tag, an dem ich feststellen musste, dass ich Schwierigkeiten hatte, das Vater-Unser aufzusagen. An dem Tag wurde mir klar, dass ich noch so oft behaupten kann, ich halte mich selber für gläubig, ich aber erstmal wieder zurück zu Gott im Alltag finden muss, um das wirklich ernst meinen zu können. Ab da hieß meine Antwort nicht mehr "Ja, ich würde mich schon als sehr gläubig bezeichnen" sondern eher "Ne, aber ich würde dort gerne wieder einen Schritt in die Richtung machen". Und so "bescheuert" es jetzt auch klingt, aber es verging kein einziger Tag auf dem Weg an dem ich nicht das Vater-Unser still vor mich selber hingebetet hätte oder an dem ich nicht Gott für den tollen/ harten/ interessanten/ anstrengenden/ lustigen [...] Tag , für die unglaublichen Erfahrungen, für die besonderen Mitmenschen, für die wunderschöne Landschaft, für das leckere Essen, oder für die erfrischende Dusche und das bequeme Bett gedankt hätte. Und diese Beziehung ist es, die ich hier gesucht und gefunden habe - warum genau hier, kann nicht sagen. Das Einzige was ich weiß, ist, dass das wohl auch eines der Geheimnisse des Jakobsweges bleibt.
Als wir endlich in Ponte de Lima ankommen, bin ich völlig am Ende, durchgeschwitzt und weiß nicht mehr, wie ich meine Füße hinlegen soll, damit sie am wenigstens wehtun. Aber: ich bin auch gleichzeitig stolz darauf, mitgehalten zu haben!
Die Albergue macht leider erst um 17 Uhr auf und so wissen wir erstmal nicht, was wir machen wollen, da wir ja auch noch so früh dran sind. Wir treffen zufälligerweise den Hospitalero der uns erlaubt wenigstens unsere Rucksäcke solange in der Albergue zu lassen und wir entschließen uns dann am Flußufer zu warten, bis die Albergue aufmacht. Die Jungs gehen noch baden, während ich ein kleines Nickerchen im Schatten der Bäume halte.
Als es endlich 17 Uhr ist, gehen wir zurück und bekommen unsere Betten in einem langen "Schlafgang" zugeteilt, in dem insgesamt 50 Betten stehen. Die Matratzen sind alle mit einer Art Plastikbezug bezogen, was auf diesem Weg sehr häufig so ist. Vorteil ist wohl, dass die Ausbreitung von Bettwanzen und ähnlichen Schweinerein unterbunden wird. Nachteil aber eindeutig, dass man, sobald man den Schutz seines Schlafsacks auch nur mit einem Arm verlässt, man unweigerlich sofort an besagtem "Bettbezug" festklebt und schmatzende Sauggeräusche beim Umdrehen entstehen. Ich muss jetzt nicht anmerken, dass das alles andere als angenehm weder zum fühlen noch zum anhören ist.
Wir schlendern gemütlich durch das schöne Städtchen, das sich gerade in der Abendsonne von seiner besten Seite zeigt, klappern etliche Bäckereien ab (Mark hat eine gewisse Süßigkeitensucht und hat es sich selber zur Aufgabe gemacht alle möglichen gebackenen süßen Spezialitäten auf dem Weg zu kosten und zu bewerten - die von Ponte de Lima schneidet nicht so gut ab, sie schmeckt zu sehr nach Weihnachten...), und finden dann noch einen kleinen Supermarkt. Dort kaufen wir alle möglichen Leckerein für den morgigen Weg und für das heutige Abendessen ein. Zurück in der Albergue zaubert Mark daraus eine herrlich leckere Tomatensoße und gegen all meine Vorhersagen, dass 1,5 Kg Spaghetti zu viel sind, putzen die Jungs (und meine Wenigkeit) unter Ächzen alles restlos leer.
Der Wein tut seinen Rest zu meiner Müdigkeit und wir wanken zufrieden, voll gestopft und erschöpft zu unseren schmatzenden Latexmatratzen.

 
Portal de Tamel - Ponte de Lima:
24,3 Km