Sonntag, 30. Dezember 2012

Dankeschön...

...für alle die netten Kommentare!
Ich freue mich über jedes Einzelne wahnsinnig.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Ankunft am Ende der Welt: 19. Tag: 25. August 2012

Ich schrecke hoch als der Wecker klingelt und weiß erstmal gar nicht, wo ich bin. Ich habe so gut und tief geschlafen, wie schon lange nicht mehr - so eine Nacht im Einzelzimmer ist im Vergleich zur Albergue dann doch auch mal ganz nett. Ich packe alle meine Habseligkeiten in Tüten, verstaue alles im noch leicht feuchten Rucksack, schlüpfe in meine noch klitschnassen Schuhe und laufe um Punkt 8 Uhr los. Es ist wirklich ein komisches Gefühl, die allerletzten 14,641km vor mir zu haben. Beschwingt laufe ich los und komme gut voran. Es geht meist bergauf, aber das war absehbar. Ich laufe dann bald am Meer entlang durch kleine süße "Fischerdörfer". Dann geht es wieder bergauf und ich kann zum ersten Mal einen Blick auf Cabo Finisterre erhaschen. Erster Gedanke: Uh, krass, dass ist ja ganz schön weit weg. Zweiter Gedanke: Ganz schön viele Hügel dazwischen!
Ab und zu bricht die Sonne durch die Wolkendecke und erhellt mein Gemüt noch mehr. Es geht über Holzstege direkt am Strang entlang und eh eich mich versehe, stehe ich schon in Faro Finisterre. Und genau dann fängt es auch an zu tröpfeln - na klasse. Nicht, dass ich erstmal von Regen genug habe, aber hinzu kommt auch noch, dass ich meinen Regenponcho im guten Glauben in meiner Pension zurückgelassen habe. Bei einer privaten Albergue frage ich erstmal nach, wo ich die "Fistella" bekomme. Das ist wie die Compostella, die man in Santiago bekommt, eine Urkunde, dass man bis nach Fisterra gelaufen ist. Mir wird erklärt, dass es diese erst um 13.00 Uhr in der öffentlichen Herberge gibt. Jetzt ist es aber erst kurz nach 10. Ich kaufe mir einen Orangensaft in einem Supermarkt und mache mich auf zu den letzten 3km Bergaufwärts hin zum Leuchtturm. Direkt an der Straße geht es kurvig steil aufwärts und ich komme noch ein letztes Mal an meine Grenzen. Die drei Kilometer ziehen sich ewig und ich brauch mehrere Pausen.
 Als ich dann endlich vor dem Leuchtturm und dem Kreuz stehe, kann ich mein Glück kaum fassen. Das Gefühl ist leider einfach unbeschreiblich. Ich bin 330km gelaufen und jetzt bin ich angekommen. Ich setzte mich auf einen der Steine, schaue aufs Meer und genieße die Sonne, die sich erneut blicken lässt. Der Name Finisterre kommt vom lateinischen finis terrae und bedeutet übersetzt Ende der Erde/Welt. Wie ich da so sitze und auf das endlose Meer starre, wird mir klar, wie die Leute auf diesen Namen kamen. Ich bleibe eine halbe Ewigkeit dort sitzen, denke über die vergangenen Tage nach, über die Menschen, die ich getroffen habe, über Gott, über alles erlebte, über die Schmerzen, über die Landschaft und über all die neuen Erkenntnisse. Ich denke auch darüber nach, was ich von dieser Reise erwartet habe und ob das in Erfüllung gegangen ist. Eindeutig: ich habe gefunden, wonach ich gesucht habe und noch viel mehr. Was wird mir bleiben von der Reise? Das alles aufzuzählen, würde wohl mehrere Seiten füllen und vieles wird wohl auch im Alltag langsam wieder in Vergessenheit geraten. Was auf jeden Fall bleiben wird: tiefe Freundschaften, der Stolz auf sich selber, tolle Erinnerungen und die Sehnsucht nach mehr. Unter mir klatschen die Wellen gegen die Felsen, ich atme ein letztes Mal tief ein, schnalle meinen Rucksack auf und begebe mich auf meinen Heimweg.
 
Curcubión - Faro Finisterre:
14,641km
 
 
 
 
Porto - Faro Finisterre:
339,5 Kilometer
16 Tage
Ø 21,21km/Tag
2 Länder
 

Sonntag, 23. Dezember 2012

18. Tag: 24. August 2012 (Teil 2)

(...)

Die Straße wird immer schlimmer und matschiger, bis sie irgendwann völlig unter Wasser steht. Praktischerweise kommen direkt vor mir zwei Pilger auch an diese Stelle. Der erste läuft einfach mitten rein, versinkt wadenhoch und läuft unbeirrt, aber fluchend, weiter. Ok: mittig ist also schlecht! Die Zweite hat zwei Stöcke dabei und stellt es etwas klüger an. Sie tastet sich vor auf ein Randstück, wo das Wasser nicht ganz so hoch steht. Ich beobachte ihre Wegwahl, muss grinsend mit anschauen wie sie abrutscht und ebenfalls bis zu den Knien in Schlammwasser versinkt und komme dank den Fehltritten meiner Vorgänger dann "trocken" auf der andern Seite an - danke Leute!
Der Weg führt jetzt an einer Kapelle vorbei unter der sich fünf Pilger quetschen und ratlos dreinschauen. Naja, es sieht nicht aus, als würde das Wetter schnell besser werden und trocken zu werden, muss man wohl auch gar nicht erst versuchen, von daher kann ich grad auch weiterlaufen. Das Motto lautet: "Augen zu und durch", was auch gut passt, denn der Regen kommt inzwischen sinnflutartige von vorne und an meinen Wimpern hängen so viele Tropfen, dass ich sie kaum mehr aufbekomme. Meine Füße inklusive Blasen schwimmen immer noch in Wasser und so sind so aber einigermaßen unauffällig. Ich komme immer wieder zu dem gleichen Gedanken: erstens: mein Gehirn muss einen Wasserschaden haben, um so was ohne eine Heulattacke durchzustehen und zweitens: das kann sich keiner vorstellen, wie krass das wirklich ist.
Irgendwann beginnt der steile und steinige (und nicht ganz ungefährliche) Abstieg und ich weiß, dass ich der Erlösung näher komme. Ok, jetzt reicht es auch langsam, ich spüre den Regen schon gar nicht mehr - alles ist gleich nass - sondern höre das Geprassel nur auf meinen Regenponcho. Mein MP3-Player spielt jetzt passender Weise das Liebe "weitergehen" und der Sänger brüllt mir ins Ohr "aufzugeben hätte keinen Sinn, ich muss jetzt weitergehen", der ist bestimmt nicht 15km durch ein "Weltungergangswetter" gelaufen, während er das geschrieben hat. Es geht immer steiler bergabwärts und inzwischen schreit wirklich jede Sehne, jeder Muskel, jede Blase - oh und hallo Neuzugänge... Langsam tauchen vor mir die ersten Häuser auf und ich weiß, dass ich es fast geschafft habe. Ich komme durch Cee, was irgendwie aber so gar nicht zum Bleiben einlädt und einen ausgestorbenen Eindruck auf mich macht. Ich habe mich entschieden heute auch mal nach einer Pension oder nach einem Hotel umzuschauen, weil ich mir nicht sicher bin, wie viel von meinem Gepäck es trocken hier her geschafft hat und in einer Albergue kann ich mich nicht genug ausbreiten um alles zu trocknen.
Auf der andern Meerseite sieht man schon die relativ schön aussehende Stadt Curcubión und ehe ich mich versehe, bin ich 2km weiter gelaufen und bin schon da. Nach typischer Kesslermanier suche ich nach einer "perfekten" Pension, laufe drei mal komplett durch die Stadt ohne was zu finden, während meine Laune rapide sinkt. Ich kann und mag jetzt nicht mehr. Ich will aus meinen Sachen raus und ganz heiß und ganz lange duschen. Ich merke erst jetzt, wie entkräftet ich bin und wie mich die Etappe heute geschlaucht hat. Ich komme zur Touristeninfo, die natürlich zu ist, finde aber die Werbung von einem Hostal, wo ich jetzt hin will. Ich frage mich dorthin durch, um angekommen festzustellen, dass es voll ist. Jetzt ist mir wirklich zum heulen zumute, aber ich reiße mich zusammen - auf den letzten Metern wird jetzt auch nicht mehr geheult! Ich gehe zur nächsten Pension und frage dort nach einem freien Zimmer. Während ich auf den Besitzer warte, bildet sich um mich herum eine große Wasserpfütze, aber ich habe Glück: ich bekomme für 30 Euro ein schnuckeliges, kleines Zimmer mit externen, großen sauberen Bad. Geschafft! Ich versuche nicht komplett alles voll zu tropfen und ziehe draußen mein Poncho, meine Rucksackabdeckung und meine Schuhe aus. Meine Socken triefen einfach so vor Wasser beim Ausziehen und ich muss sie erst mal ausringen. Ich öffne meinen Rucksack und muss feststellen, dass er leider nicht dicht gehalten hat und den Wassermassen nicht trotzen konnte. So ein Mist, ich finde nicht ein trockenes Kleidungsstück mehr, überhaupt, nicht eine einzige Sache, die nicht irgendwie nass ist. Von Kamera, Handy, Ladegerät, Credencial, Schlafsack über Socken, Tagebuch bis zum Essen ist alles betroffen, na das kann ja heiter werden. Ich schnappe mir einigermaßen trockene Unterwäsche und ein halb trockenes Top und schließe mich erst mal im Bad ein. Ich reiße mir die tropfenden Klamotten vom Leib. Jede, absolut jede Schicht ist nass, und dusche erstmal ganz lange, ganz heiß. Dann häng ich erstmal alles irgendwie auf oder leg es auf den Boden aus, werfe mich erstmal erschöpft ins Bett und lass die Probleme, Probleme für später sein. Dann schlaf ich zum Fernsehergedudel tief und fest für zwei Stunden ein.
Danach sieht die Welt schon ganz anders aus. Es kommt helles Licht durch mein Fenster, was auf Sonne hindeuten lässt. Ich hole mir einen Kaffee und süße Teilchen, die es hier kostenlos für Gäste gibt und chill erstmal noch mal ne Runde in dem warmen Bett. Dann zieh ich mir die leicht feuchte Hose an und laufe au meinen blutigen Füßen zum Einkaufscenter. Das entpuppt sich dann auch als eine tolle Entdeckung mit einem Süßigkeiten-Lladen, Internetcafe, Supermakrt und nettem Café. Nach diesem anstrengenden und verrückten Tag gönne ich mir alles, was mich glücklich macht. Erstmal eine riesige Tüte Süßigkeiten, ne halbe Stunde Internet und eine Runde Skype mit meinen Eltern, und dann einen fetten Capuccino, zu dem ich dann die letzten zwei Tage Tagebuchschreiben aufhole. Allein das dauert ziemlich lange, und als ich fertig bin, gönn ich mir noch eine fette Portion Pommes und ein Radler. Dann schlendere ich zurück zu meinem Zimmer, glotz noch eine Runde TV, esse Chips, trink ne Cola und schlafe dann früh bequem und sanft gebettet ein.


Olveiroa - Cocubión:
21km

Freitag, 21. Dezember 2012

18. Tag: 24. August 2012 (Teil 1)

Schon als ich aufwache, ahne ich böses. Die Fensterläden schlagen vom Wind auf und zu und es ist noch dunkel draußen. Ich stelle meinen Wecker auf 7.00Uhr um und döse weiter - muss ja nicht noch mal den gleichen Fehler wie gestern früh machen. Als ich dann zum Klingeln meines Weckers aufwache, werde ich mit sofort mit den Worten begrüßt "es regnet". Na super, das ist doch mal eine Motivation um aufzustehen... Ich rappel mich hoch, packe zusammen und wanke erstmal demotiviert in die Küche ein Haus weiter um die Lage zu checken. Es ist kalt, windig und es nieselt. Dunkel ist es noch dazu. Durch das triste Wetter, der Dunkelheit und der Stille hier, entsteht irgendwie eine mystische Atmosphäre. Ich bleibe kurz in der Straßenmitte des verlassenen "Dorfs" stehen, der Wind schlägt mir ins Gesicht und der Regen lassen mich meine Augen zusammenkneifen. Ich lasse die ganze Situation kurz auf mich wirken und muss feststellen, dass es irgendwie etwas hat. Dann gehe ich in die Küche, verdrücke ein Mars und packe mich, meinen Rucksack und meine gute Laune in jede Menge Plastik ein und laufe los. Anfangs nieselt es nur leicht, aber nach einem Kilometer schlägt es um und es stürmt und prasselt richtig auf mich herunter. Noch versuche ich mich irgendwie zu schützen und meine Hose trocken zu halten, aber ich gebe es relativ schnell auf. Hätte ich hier schon gewusst, dass das nur der Anfang ist und dass der Himmel noch mehr für mich bereit hält, wäre ich wahrscheinlich umgekehrt und hätte mir einen chilligen Tag in der Albergue gemacht. Der Regen kommt inzwischen schräg von vorne und meine Hose färbt sich immer dunkler. An sich wäre der Weg wohl sehr schön, aber ich sehe nicht wirklich viel, weil mir einerseits meine nassen Haare im Gesicht kleben und mir andererseits die Kopfbedeckung meines knallroten-50cent-Pochos immer wieder ins Gesicht klatscht. Nur Wind oder nur Regen wären ja schon eklig genug, aber das hier ist wirklich das Allerletzte. Nach 5km komme ich an eine Bar, packe mich aus und frühstücke erstmal. Dabei tropfe ich zwar jetzt schon den Boden und die Theke voll, aber auch um die anderen Mitpilger hier bilden sich kleine Seen. Die Bar wirbt mit dem Slogan "letzter Verpflegungspunkt für die nächsten 15km". Vor mir liegen 15km nichts - kein Dorf, keine Bar, kein Unterschlupf... hervorragendes Timing! Während ich da so sitze, kommt ein tropfender Pilger mit trüben Blick reingeschleppt und bittet resigniert die Barfrau ihm ein Taxi zu rufen. Nur über meine kalte und klitschnasse Leiche denke ich mir, packe mich wieder ein und schmeiße mich wieder in den Regen. Das Wetter wird immer schlimmer, meine Laune - zusammen mit der Musik meines MP3-Players - immer besser. Wenn man erst mal den Punkt der völligen Durchgeweichtheit erreicht hat, macht es auch nichts mehr aus. Außerdem: wann läuft man schon mal komplett angezogen mit Rucksack durch strömenden Regen? Diese eher seltene Gelegenheit sollte man genießen, denke ich mir. Die Landschaft könnte durchaus schön sein, wahrscheinlich hat man einen total tollen Ausblick, aber ich sehe halt leider gar nichts. Ich bin bereits nach 5km komplett bis zur Unterwäsche klitschnass, die Hose klebt an meinen Beinen und meine Füße schwimmen im Wasser. Es macht komische Quatschgeräusche bei jedem Schritt und es fühlt sich auch eher komisch an beim Laufen. Überall liest und hört man, dass man auf jeden Fall drauf achten muss, seine Socken und Schuhe trocken zu halten, sonst entstehen Blasen. Deswegen pudern ja auch viele ihre Füße mit zum Beispiel Babypuder ein. Es ist daher wohl eher unpraktisch, dass meine Füße einfach in Wasser schwimmen und ich fürchte, dass ich nach 15km Schwimmhäute haben werde.
Der Wind peitscht so extrem, dass ich mir meine Kapuze zuhalten muss und es regnet in solchen Strömen, wie ich es bisher nur während eines Hurrikan erlebt habe. Der Satz aus dem Lied von Echt kommt mir in den Sinn: "Weinst du oder ist das der Regen der von deiner Nasenspitze tropft?". In dem Fall ist es eindeutig Regen und es tropft überall an mir runter. Ich kann die Augen kaum offen halten, weil es mir so ins Gesicht schlägt und die Windböen sind teilweise so stark, dass es mich zwei Schritt zur Seite wirft oder völlig ausbremst. In meinem Kopf ist inzwischen eigentlich nur noch ein Gedanke: "Das glaubt mir keiner."

Und da das alles noch nicht genug ist, kommt jetzt noch dazu dass sich der Weg langsam unter meinen Füßen auflöst und sich zu einer matschigen Pampe formt. Regen alleine wäre viel zu einfach - Sturm allein - viel zu einfacher. Schlechte Straße alleine - viel zu einfach. Kälte alleine - viel zu einfach. Wie wäre es also mit Sturm, Platzregen, Kälte und schlechter Straße zusammen? Das hatte ich noch nicht und immer mal was Neues scheint wirklich die Mentalität des Weges zu sein. Trotz allem komme ich ganz gut voran, zumindest gemessen an meinen in Ponchos gehüllten Mitpilger, die irgendwie alle nicht so gut gelaunt zu sein scheinen, wie ich. Ich kann mir allerdings selber nicht erklären, woher meine Superlaune kommt.
Ich habe mir in der Bar vorhin meinen Poncho mit meinem geliebten Panzertape an den Leib geklebt, aber es bläst den Regen so unbarmherzig aus allen Richtungen, dass das auch nicht viel hilft. Ich habe inzwischen nicht mal ansatzweise eine Ahnung wie lange ich schon laufe, wo ich bin oder wie viel noch vor mir liegt. Aber an diesem Punkt gibt es auch kein zurück mehr, mir bleibt nichts anderes übrig als vorwärts zu laufen.

(...)

[Wegen des starken Regens und den an mich festgeklebten Ponchos konnte ich die Kamera leider auf der ganzen Strecke nicht auspacken, daher auch hier keine Bilder]

Donnerstag, 20. Dezember 2012

17. Tag: 23. August 2012 (Teil 2)

7km weiter lege ich noch einmal eine kurze Cola-Pause ein, aber eigentlich drängt es mich weiter. Immer nach einer Pause laufe ich ertsmal wie so ein eingerosteter Roboter los, bis ich mich wieder an die Schmerzen und Druckstellen gewöhnt habe. Man sollte meinen, dass ich nicht viel weiter komme, als zum nöchsten Straßengraben, um mich dort zum Sterben hinzulegen.
Ich habe inzwischen wieder meinen MP3-Player rausgeholt (ja, ich weiß, wirklich unpilgerhaft), damit läuft es sich einfach so viel beschwingter an diesem dristen Tag. Rihanna schreit mir also in die Ohren "...they can say whatever, I'ma do whatever, no pain is forever. Yup, you know this. Go hard or go home.... I'm so hard, so hard..." und so maschiere ich weiter und bringe Kilometer um Kilometer hinter mich ohne mir meine Blasen anmerken zu lassen. Nach einer Ewigkeit (also so ca. nach 3h: ich mache zwischen 4-5km/pro Stunde) kündigt sich die erste Albergue an, die im Vorort von Olveiroa liegt und von der es nur noch 2km sind. Ich lege noch mal einen Enspurt hin und laufe was das Zeug hält  - ich weiß selber nicht, woher diese Energie herkommt. Relativ schnell taucht dann das Dorf vor mir auf und ich finde auch gleich die sehr hübsche Albergue, die etwas höher liegt und aus 4 kleineren Häusern besteht. Alle Häuser sind zweistöckig und haben blaue Fenster und Türen, was einen tollen Kontrast zu den Steinmauern gibt. Man kann sich selber ein Bett in einem der Höuser aussuchen, der Hospitalero kommt erst abends. Ich humple die Treppen zur Dusche hoch und dusche erstmal, mit so wenig Fußsohlen-Bodenkontakt wie möglich. Das Ausmaß meiner Blasen ist jetzt erst sichtbar geworden und ohne den Druck der Boots kaum auszuhalten. Ich bin aber stolz auf mich die 33km geschafft zu haben und so früh schon hier zu sein. Dann wasche ich erstmal mal wieder meine riesige Auswahl an Klamotten und vesper mein schweres Essen, was ich wie so oft viel zu weit mitgeschleppt habe.
Ich komme dabei mit zwei Deutschen, Rico und Ricardo (Brüder) ins Gespräch, mit denen ich dann in den örtlichen "Supermercado" gehe. Dieser besteht aus einem Regal mit verschiedenen Lebensmittel in einer Bar. Wir finden immerhin Spaghetti, Knoblauch, eine Zwiebel, ne kleine Dose Mais, Tomatenpampe und eine Salami, woraus wir später etwas gemeinsam kochen wollen. Ich lege mich dann auf meine inzwischen wieder einigermaßen normal riechende Isomatte für ein Schläfchen in der Sonne hin, die sich sogar kurz noch mal blicken lässt.
Als ich aufwache, sitzt vor meine eine Art Großfamilie, bestehend aus zwei Männern (Hobos, wie Papa sagen würde...), völlig abgefrackt und verwahrlost aussehend, zwei Frauen (eine davon eine typisch Deutsche, die wohl auf dem Weg zu ihnen gestoßen sein muss, da sie so gar nicht in die Gruppe passt) und zwei Kinder (etwa zwischen 7 und 10). Die Deutsch ist so deutsch, dass es mich geradezu schüttelt. Alles an ihr schreit "Ich bin Deutsche", angefangen von der Art wie sie Spanisch bzw. Englisch redet, die fast bis zu den Knien hochgezogenen Socken, die perfekte Markenausrüstung bis hin zu ihrem Leck-mich-am-Arsch-Hut... Himmel hilft! Das ist jetzt die zweite Familie, neben Zoey und ihrem Mutter-Onkel-Gespann, die ich hier sehe, die mit ihren Kindern laufen. Wie kommt man auf so eine Idee? Das sind kleine Kinder und ich glaube kaum, dass sie eines Tages zu ihren Eltern gegangen sind und gesagt haben: Hey, wie wärs, wir laufen den Jakobsweg mal?! Später beim "Einchecken" bekomme ich dann mit, dass sie sogar schon ab León laufen, also wirklich schon lange unterwegs sein müssen - die armen Kinder. Da die Albergue tatsächlich dann Abends voll ist, schlägt die Großfamilie ihre Zelte im Garten auf und wir fangen dann mit Kochen an.
Dabei lerne ich dann, dass Ricarod 27 ist, zwei Kinder hat und im Moment nichts zu tun hat, weil er sich "noch nicht gefunden hat und sich nicht in die Gesellschaft unterordnen will, um sich verbrauchen zu lassen" - ayayai, der Weg zieht schon viele spezielle Menschen an. Ich verkneife mir dann ein Kommentar, lausche der ebenso abartigen Geschichte vom Lebensverlauf des Bruders Rico und genieße dafür das wirklich leckere Essen. Da es schnell kalt wird, gehen wir dann bald schon schlafen, auch wenn es selbst im Haus sehr kalt ist und irgendwie ziemlich zieht.

 

Negreira - Olveiroa:
33km

Mittwoch, 19. Dezember 2012

17. Tag: 23. August 2012 (Teil 1)

Heute steht mir eine der Längsten Etappen meiner ganzen Reise bevor. Ein Spanier hat mit gestern Angst gemacht, weil er meinte, es soll heute total regnen, wobei es morgens noch schön bzw. trocken bleiben könnte. Außerdem sei die Albergue in meinem Zielort immer total überfüllt, daher solle ich lieber so früh wie möglich loslaufen.
Da hier um 6.00Uhr sowieso schon jeder wach ist, lass ich mich von der Panik und Hektik anstecken und stehe auch auf. Ich packe mein Zeug zusammen, stopfe kurz eine Banane in mich rein und trete vor die Albergue. Erst jetzt kommt mir das ganze Ausmaß meiner Entscheidung früh loszulaufen: es ist noch stockdunkel und nur die Straßenlaternen spenden etwas Licht. Die Stadt ist wie ausgestorben, totenstill und die Stimmung ist wirklich zum losheulen und wieder schlafen gehen. Was für eine absolute Schnapsidee jetzt schon loslaufen zu wollen! Aber jetzt bin ich schon mal wach und rum sitzen könnte ich jetzt auch nicht ertragen, also laufe ich mit schlechter Stimmung los und schon bald verlässt der Weg die Stadt und führt in einen Wald - na danke! Hier sind die Wegzeichen praktisch nicht mehr zu erkennen, es ist so dunkel, dass ich erstmal meine Stirnlampe brauche. Ich verfluche den Spanier und  mich selber! Alleine durch einen dunklen nassen Wald, irgendwo in der Einöde - fängt so nicht ein Horrorfilm an?! Zum Glück überholen mich bald schon drei Spanier und ich keuche hinter ihnen her in der Hoffnung sie nicht zu verlieren. Sie vor mir laufen zu sehen bzw. das Licht ihrer Lampen in der Ferne wackeln zu sehen, beruhigt mich etwas und ich hoffe einfach nur, dass es bald heller wird. Die Spanier geben ein gutes Tempo vor und ich muss mich ordentlich ranhalten, mitzukommen. Mein nicht-ganz-so-schlaues Heftchen von der Touristeninfo hat heute keinerlei Steigung vorausgesagt und trotzdem laufe ich bisher nur bergaufwärts. Ach ja, ohne meinen guten, genauen deutschen Reiseführer bin ich halt nichts und nur auf den konnte man sich richtig verlassen...
Irgendwann wird es endlich heller und meine Laune steigt - man ist das angenehm bei Helligkeit zu laufen. Konsequent bergauf geht es weiter und ich frage mich, wie das Heft einen Pass bezeichnen würde - Talfahrt?
Es sieht tatsächlich sehr nach Regen aus und es windest schon ziemlich stark, während der Himmel sich grau in grau gibt. Nach mir endlos erscheinenden 12km komme ich endlich an einer Bar vorbei, wo ich kurz Pause mache und einen Kaffee trinke. Diese ganzen Bars können sich hier im Nirgendwo wohl auch nur halten, weil so viele Pilger hier lang kommen, das muss die reinste Goldgrube sein! Etwas gestärkt, dafür völlig "abgekühlt" laufe ich weiter - immerhin liegen noch weitere 21km vor mir... Schritt für Schritt kämpfe ich mich Kilometer für Kilometer vorwärts und singe im Stillen irgendwelche Lieder vor mich hin. Mit jedem Schritt merke ich aber auf der einen Seite meine Blasen unter dem Fuß und mein etwas schmerzendes Knie und auf der anderen Seite meine Wade, die sich anfühlt wie bei einem unaufhörlichen Wadenkrampf. Es ist wirklich erstaunlich, was einem alles schmerzen kann und eigentlich sollte man meinen, dass ich inzwischen lang genug gelaufen sein sollte, dass keine komischen Schmerzen mehr auftauchen, aber das Gegenteil ist der Fall... Letztes Mal auf dem Weg habe ich immer meine Achillessehne eingebunden bzw. eingetaped. Diesmal wüsste ich gar nicht wo ich anfangen sollte!
Ich könnte mir eigentlich gleich meine beiden Beine komplett eintapen... Trotz allem gewöhnt man sich an den Schmerz und er ist auszuhalten und so komme ich relativ gut voran - auch wenn es immer noch die meiste Zeit aufwärts geht. Landschaftlich verläuft der Weg recht schön über Feldwege oder kleinere Straßen. Immer wieder komme ich durch Minikuhdörfer, in denen ich mich wiederholt durch mir entgegenkommenden Kuhherden kämpfen muss. Anscheinend machen die Bauern hier nichts, außer ihre Kühe von A nach B zu treiben und damit so manch einem Pilger die ein oder andere zusätzliche Schweißperle auf die Stirn zu treiben...
 Ich fühle mich manchmal so wie bei einem Computerspiel, wo man wie zum Beispiel bei Supermario verschiedene Hindernisse auf seinem Weg überwinden muss um ins nächste Level zu kommen: Bäche überspringen, Kuhherden ausweichen, Stolpersteine erkennen, die richtigen Abzweigungen nehmen, Mitstreiter überholen... - bisher bin ich gut im Rennen.

(...)

Samstag, 15. Dezember 2012

Camino de Finisterre: 16. Tag: 22. August 2012

Ich wache nicht wie geplant, zum Klingeln meines Weckers auf, sondern wegen dem Lärm, der Rund um die Uhr konsequent Tags und Nachts draußen gemacht wird. Ich schaue auf die Uhr und muss feststellen, dass es bereits 7.45 Uhr ist und ich eigentlich um Acht Uhr heute los wollte - ich hab wohl meinen Wecker mal wieder falsch gestellt...
Ich mache mich fertig, packe meine Sachen und bin heute so demotiviert loszulaufen, wie schon lange nicht mehr. Michi, Flo und Christian stehen extra noch auf und bringen mich runter zur Tür - da ist er: der endgültige Abschied! Die Jungs sind keine Männer der großen Wörter, aber das ist mir in dem Moment gerade recht, nachher muss ich noch weinen... Wir umarmen uns, versprechen in Kontakt zu bleiben und dann laufe ich seit langem wieder alleine los. Ich finde schnell in mein Tempo zurück, aber die Stille anfangs ist echt erst mal wieder gewöhnungsbedürftig. Relativ schnell geht es aus der Stadt hinaus, und ich kann aus der Ferne noch ein mal einen Blick auf die Kathedralentürme werfen.
Dann führt der Weg über kleine Feldwege relativ hügelig durch Wälder und Wiesen. Mein Rucksack dürfte heute ca. 3kg mehr wiegen, mit all den Souvenirs, Essen und dem Unnützen Zeug, was ich jetzt mit mir rumschleppe. Dieses "bisschen" mehr kann ich aber deutlich spüren - gerade bei Anstiegen. Es verblüfft mich immer wieder, wie sehr man Gepäck unterschätzen kann. Ich sag immer: 30kg am Tag ohne Gepäck zu laufen, ist kein Problem, das kann jeder. Aber wie sehr Knochen, Muskeln und Sehnen beansprucht werden, ganz zu schweigen von den Füßen an sich, unterschätzt man immer wieder. Nach 10km mache ich eine Kaffeepause, aber irgendwie finde ich keine wirklich Entspannung und es drängt mich schnell weiter. Ich halte die Stille heute einfach nicht aus und stöpsle mir darum meine Musik in die Ohren und siehe an: ich komme schon viel beschwingter voran. Ich laufe fröhlich und in einem guten Tempo weiter, überhole andere Mitpilger (sind echt ziemlich viele unterwegs hier) und genieße die Landschaft und das heute angenehme Laufklima. Schneller als gedacht kündigen sich vor mir die ersten Alberguen mit riesigen Schildern an - alles sehr touristisch gemacht. Ehe ich mich versehe, stehe ich am Ortseingang von Negreira, meinem Endziel für heute. Mein schlaues Buch gibt ja leider keine Infos mehr von sich und so habe ich nur den Zettel der Touristeninfo, den ich mir in Santiago geholt habe. Auf dem gibt es eine Auflistung von Alberguen, allerdings ohne jegliche Angaben zu Preis, Leistungen oder Bewertungen. Ich folge dem Schild einer ganz nett erscheinenden Albergue, aber muss dort angekommen feststellen, dass diese 12 Euro kostet - viel zu viel für meinen Geschmack! Wir haben die letzten Tage 13 Euro für ein eigenes Zimmer mit eigenem Bad im Zentrum von Santiago bezahlt, dann zahl ich hier doch nicht 12 für einen riesigen Schlafraum irgendwo im nirgendwo. Als ich die verdutzen und ungläubigen Gesichter der anderen "Pilger" dort sehe, die halb auf Stühlen hängen und nicht gerade glücklich aussehen und wohl nicht fassen können, dass ich weiter laufe, muss ich schmunzeln. Es scheint als wäre das heute ihre erste Etappe gewesen und als hätten sie sich das auch einfachere vorgestellt. Als ich gerade die Albergue verlasse, fährt ein Taxi vor die Tür und fragt mich, ob ich das Taxi nach Santiago bestellt hätte... da scheint einer wirklich die Schnauze voll zu haben!
Noch ziemlich fit laufe ich also weiter, auf der Suche nach der öffentlichen Herberge, mit der Hoffnung, dass diese billiger ist. Nachdem ich die komplette Stadt durchquert habe, mich mehrmals durchfragen musste, finde ich das kleine Haus einen Kilometer außerhalb der Stadt auf einem Berg gelegen. Die Hospitalera ist noch nicht da, man muss sich einfach in ein Buch eintragen und kann sich selber ein Bett aussuchen. Ich packe aus und gehe erstmal duschen. Dass das nicht die sauberste und hübscheste Albergue ist, in der ich war, wird mir schnell klar. Was ich allerdings nicht erwartet habe, ist die eiskalte Dusche, die mich kurz aufschreien lässt! Ich dusche mal wieder rekordverdächtig schnell und föhne mir dann die Haare unterm Handtrockner. Es ist inzwischen recht kühl geworden, obwohl es früher Nachmittag ist und die Sonne lässt sich auch nicht mehr blicken. Danach entschließe ich mich erstmal schön zu vespern und das richtig zu genießen, immerhin hab ich das Zeugs 22km über die Berge geschleppt. Weil ich nicht weiß, was mit mir anzufangen und ich zu faul bin in die Stadt zu laufen, gönne ich mir erstmal einen Mittagsschlaf. Als ich nach zwei Stunden wieder aufstehe, ist die Hospitalera auch da. Ich gehe also in ihren kleinen Kabuff um die 5 Euro zu bezahlen und erfahre hier das nächste Highlight des Tages. Die kleine fette unfreundliche Frau brabbelt in einem unverständlichen Spanisch auf mich ein, und es braucht ein bisschen bis ich verstehe, was sie mir überhaupt sagen will, da sie es anscheinend auch nicht für nötig hält langsamer oder deutlicher zu reden. Als das Wort "insectos" dann auch in meine letzten Gehirnzellen durchdringt, fängt es augenblicklich an mich überall zu jucken - schön wie schnell die Psyche da mitspielt! Es braucht dann noch mal ein bisschen, bis ich raffe, dass die Albergue geschlossen wird (ich will gar nicht wissen, was für Ungeziefer genau hier gefunden wurde) und dass alle gehen müssen. Ich packe mein Zeug zusammen, schüttel alles so gut es geht aus (zum Glück hab ich noch nicht allzu viel ausgepackt) und muss mich erstmal sammeln, was jetzt meine Alternativen sind. Die selber genervte Hospitalera meint ich soll einfach weiterlaufen - sehr witzig. Bis zur nächsten Albergue sind es 12km und es ist inzwischen später Nachmittag, und somit wahrscheinlich nicht gerade klug weiterzulaufen. Diese Albergue war die billigste hier und eigentlich will ich nicht mehr zahlen, aber es bleibt mir wohl nichts anders übrig. Genervt muss ich meine frisch geduschten Füße wieder in meine ekligen stinkenden Boots schnüren und mache mich auf den Weg zurück in die Stadt. Die nächst Billigere soll 8 Euro kosten und liegt natürlich wieder eher am anderen Ende der Stadt, also wieder 2km zurück. Als ich dort ankomme, informiert mich der junge Mann an der "Rezeption", dass sie inzwischen 9 Euro kostet - warum auch nicht, jetzt wo alle aus der Öffentlichen hier her kommen - aber daran kann ich jetzt auch nichts mehr ändern.
Irgendwie bin ich auch abgeklärter geworden: wäre ich nach so einem Durcheinander am Anfang des Weges wahrscheinlich augenblicklich in Tränen ausgebrochen, bin ich jetzt einfach nur genervt aber relativ entspannt. Ich suche mir ein Café und trinke erstmal einen starken Kaffee und esse ein paar süße Teilchen. Dort lerne ich dann zwei ältere Spanierinnen kennen, die sich zu mir an den Tisch gesetzt haben. Wir plaudern ein bisschen und als sie dann weiterziehen, bezahlen sie mir sogar meinen Kaffee - wie nett. Genau so eine Freundlichkeit habe ich jetzt gebraucht und ich bedanke mich überschwänglich: kleine Freuden erhellen den Tag!
Ich schlendere noch etwas durch das nicht gerade hübsche Städtchen und kaufe mir dann mein Abendessen in einem Supermarkt zusammen: Bocadillos stehen mal wieder auf der Speisekarte. Da die Stimmung hier irgendwie komisch ist in der Albergue und die anderen eher unter sich bleiben, habe ich nicht wirklich Gesprächspartner und gehe einfach mal wieder früh schlafen.
 
 
Santiago - Negreira:

22km

Donnerstag, 13. Dezember 2012

15. Tag: 21. August 2012

Eigentlich hatte ich geplant heute schon nach Finisterre weiterzulaufen, aber ich habe mich gestern spontan dazu entschlossen noch einen Tag länger in Santiago zu bleiben und das bereue ich heute auch nicht.
Wir stehen um 9.00Uhr auf, Frühstücken eine Kleinigkeit und gehen dann gleich in Richtung Kathedrale, weil jetzt noch nicht so viel los ist. Wir sind zwar schon seit drei Tagen in Santiago, aber haben es bisher noch nicht geschafft, die üblichen "Pilgerrituale" durchzuführen - also wird das heute nachgeholt. Wir umarmen den Apostel, begutachten seine Gebeine, schauen uns die Kathedrale an und beobachten die Menschenmassen, die durch die Kathedrale strömen. Dann gönnen wir uns erstmal einen starken Kaffee, bevor wir in das Pilgermuseum gehen, welches sogar kostenlos ist. Unter anderem laufen dort verschiedene Filme auf verschiedenen Leinwänden, die die unterschiedlichen Varianten des Jakobsweges zeigen. Ein "Pilgerfotograf" hat auf seinen Wegen alle paar Meter ein Bild von dem Weg vor ihm gemacht und das Ganze dann zu einem langen Film zusammen gestückelt. Wir verbringen über eine Stunde dort sitzend uns die Filme anschauend und versuchen herauszufinden, auf welcher Etappenstrecke der Film sich gerade befindet. Irgendwann wird uns dann zu kalt und wir gehen zurück zum Hostel, um ein Sandwich zu verdrücken und ein kleines Nickerchen zu machen. Ich geh danach noch mal auf Shoppingtour um mich dann um Punkt 17.00 Uhr mit den anderen vor der Garage des 5*- Hotel "Hotel de los Reyes Católicos" zu treffen (man muss hier bei der Garage schön weit weg vom Haupteingang warten - zehn gammlige schmutzige Pilger vor den Toren des schicken Hotels würden wohl kein gutes Bild abgeben). Dort gibt es schon seit langem die Tradition, dass die ersten 10 Pilger, dir dort mit ihrer Compostela auftauchen, ein freies Essen (Frühstück, Mittag- oder Abendessen) in dem schicken Hotel bekommen. Wir wissen nicht genau wie groß der Andrang ist, und da wir 7 von 10 Plätze belegen, sind wir schon zwei Stunden früher da. Genau genommen sind wir einen Tag zu spät dran - eigentlich bekommt man nur drei Tage nach Austellungsdatum der Compostela noch ein Essen, aber der unfreundliche Mann am Eingang meint, wenn jemand anders kommt, müssen wir dem den Vorlass lassen, ansonsten können wir trotzdem das Essen bekommen. Also verfechten wir unsere Plätze standhaft und Lügen ein paar andere Pilger an (frische Sünden für das gerade geleerte Sündenkonto...). Mit uns warten noch zwei stille Deutsche und ein netter Ungare mit dem wir schnell ins Gespräch kommen. Kurz vor 19 Uhr werden wir dann gebeten uns in ein Buch einzutragen und werden dann möglichst unaufällig durch das bonzige Hotel in einen kleinen ungemütlichen Hinterraum geleitet, wo wir essen dürfen - natürlich fern ab von den feinen Gästen. Wir sind uns schnell einig, dass es zwar hier sehr schön ist, aber dass wir es wohl alle nicht lange mit der feinen Herrschaft aushalten würden. In der verlassenen (Bedienstenten?)Küche müssen wir dann unser Essen abholen, wo ein schlecht gelaunter Koch uns eine Art Gemüseeintopf auf einen Teller und auf einen Zweiten ein viereckiges Stück Undefinierbares (wohl aus Gemüse) mit Soße klatscht.
Dazu gibt es einen Joghurt, der heute abläuft, eine Flasche guten Wein für alle und Wasser. Es ist jetzt nicht der Oberhammer, aber für umsonst will sich keiner von uns über ein warmes Essen beklagen. Wir haben genau eine Stunde Zeit zum Essen, dann müssen wir wieder draußen sein... Wir kaufen uns noch ein Bier im Supermarkt und setzen uns zusammen mit dem Ungaren auf die Straße, hören der sehr guten Livemusik zu und veruschen nicht daran zu denken, dass das nun endgültig unsere letzte gemeinsame Nacht ist. Es macht mich wirklich traurig! Ich bin jetzt mit den Jungs fast zwei Wochen gelaufen, habe Essen und Schlafräume geteilt, viel gelacht und einfach eine wunderbare Zeit gehabt. Alles ist viel zu schnell vorbei gegangen. Andererseits freue ich mich auch gleichzeitg darauf, morgen noch ein Stück weiterzulaufen und noch mal die Möglichkeit zu haben, "alleine" unterwegs zu sein.
Wir entschließen uns ein letztes Bier in der Tapasbar zu trinken, uns ein letztes Mal falsch herum auf den Kathedralenplatz zu legen und die beleuchtete Kathedrale zu bewundern. Arisch (der Ungare) hat uns erzählt, dass er heute Nacht kein Zimmer hat, keinen Wecker und kein Handy besitzt, aber morgen um 6.00Uhr einen Bus zum Flughafen bekommen muss und verständlicherweise Angst hat, dass er einschläft und ihn verpasst. Spontan packen wir ihn illegaler Weise noch in unser Zimmer rein und stellen für ihn einen Wecker auf 4.45Uhr, damit da wirklich nichts schief geht - als Pilger fühlt man sich irgendwie verbunden, auch wenn wir den Kerl erst seit ein paar Stunden kennen.
Ein letztes Mal reißen wir noch ein paar Witze über Michis Lieblingsbuch "The Dune", dass keiner kennt oder versteht, und schon schlafen wir wieder ein Mal tief und fest.


Santiago:
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Freitag, 7. Dezember 2012

14. Tag: 20. August 2012

Wir schlafen wieder aus und stehen gemütlich auf. Natürlich geht's erstmal ums Essen und wir entscheiden uns wieder für die leckeren Churros. Als wir zurück in unser Hostel kommen, stehen zu unserer Verwunderung die drei Katalanen in unserem Zimmer. Irgendwie hat sich was bei ihnen verschoben und es klappt jetzt doch nicht, dass sie fahren und so bleiben sie eine weitere Nacht in Santiago. Wir überlegen wie wir den Tag am Besten verbringen und wir sind uns einig, dass uns das Laufen etwas fehlt. Da meine Mutter seit Kurzem eine neue Sammelleidenschaft hat, nämlich das Sammeln von sogenannten "Quetschmünzen" (5cent-Stücke, die platt gedrückt werden und eine Motivprägung bekommen), wurde ich schon vor meiner Abreise mehrmals darauf hingewiesen, dass auf dem Monte de Gozo so eine Maschine steht. Kleines Hinderniss dabei:
der Monte de Gozo liegt 5km außerhalb der Stadt und über den kommt man eigentlich als Pilger des Camino Francés. Ich überrede also die Truppe doch eine kleine Wanderung dort hin zu machen, damit ich meiner Mama ein paar Münzen quetschen kann. Wir schnallen uns unsere Wanderschuhe an und folgen dem Weg gegen den Strom raus aus der Stadt. Selbsterklärend dass der Monte de Gozo ein Berg ist und es dementsprechend aufwärts geht - aber was tut man nicht alles für seine Mutter. Als wir endlich vor den Toren der 600.000m² großen Albergue stehen, wird mir freundlichst mitgeteilt, dass dieser Automat leider kaputt sei. Ich kann es nicht glauben und bin echt enttäuscht. Der Automat sollte eigentlich in der Cafeteria stehen und ich gehe dort hin um wenigstens ein Beweisfoto zu machen. Allerdings ist der Automat ganz verschwunden und die Frau in der Cafeteria fischt zwei Münzen aus ihrer Kasse um mir zu zeigen, dass die Maschine diese falsch quetscht.
 Nach langen Diskussionen in meinem perfekten Spanisch schenkt sie mir die zwei etwas zu platt gedrückten Münzen und ich  kann wenigstens das aufweisen und wir sind nicht umsonst die 10km hier her gelaufen. Wir chillen bei einer kalten Cola noch im Schatten des Papstdenkmals, beobachten ankommende Pilger und die Katalanen kommen mit einem ziemlich freakig aussehenden Mann ins Gespräch, der dort hockt und kleine Pilger aus Draht biegt. Er schenkt uns jedem einen und erzählt von seiner "endlosen" Pilgerreise. Er kann nicht lange an einem Ort bleiben und pilgert mit seinem Rucksack und seinem Zelt von Ort zu Ort und verkauft seine Drahtpilger.
 Vormittags hat er hier einen Stand und verkauft sie und nachmittags chillt er und verschenkt sie an Pilger, die vorbeikommen. Wir begeben uns zurück in die Innenstadt und kaufen uns unterwegs in einem Supermarkt unser Abendessen. Das verspeisen wir dann in unserem Zimmer, weil es draußen auf einmal relativ kühl ist. Nach einem Bier bin ich dann total müde und merke, dass ich eine Erkältung bekomme, also gehen wir zurück ins Hostel und heute relativ früh ins Bett.


Santiago - Monte de Gozo - Santiago:


~ 10 km

Dienstag, 4. Dezember 2012

13. Tag: 19. August 2012

Ausschlafen!!! Zum ersten Mal seit langem stehen wir erst um 10.00 Uhr auf, duschen und wanken nach einer langen Schlüssel-Such-Aktion Richtung Kirche. Bereits um Elf ist diese schon brechend voll und kein Sitzplatz mehr zu finden. Irgendwann setzen wir uns genervt im Ostflügel auf die Treppenstufen des Eingangs und warten bis es losgeht. Kurz vor 12Uhr werden mit einem riesigen Tamtam zwei Bischöfe über genau diesen Eingang in die Kirche geschleust, als wären es irgendwelche Prominente. Die Kombination aus Sonntag, den anwesenden Bischöfen und dem bevorstehenden Schwenken des Botafumeiro macht die Kirche wohl gerade so zum bersten voll. Ich versteh nicht wirklich was, von dem was der Bischof da vorne labert und auch nicht viel mehr von dem was der "Pro-Life"-Junge vorliest, aber das ist wohl auch besser so. Die Katalanen erzählen uns nachher, dass es eine schöne Hasstirade gegen Abtreibung war und dass auch sonst alles schön katholisch zuging. Da ist es wirklich ein Segen, wenn man nicht alles versteht!
Das Ganze zieht sich ziemlich lang und irgendwann ist es auch nur noch langweilig. Wir sitzen unbequem, sehen nur so mittelprächtig und irgendwie bin ich die ganze Zeit unruhig und kann nicht still sitzen. Ich glaube mein Körper ist etwas verwirrt darüber, dass er heute nicht wieder gequält und beansprucht wird.
Das Highlight der Messe kommt zum Schluss: das Schwenken des Botafumeiros. Das ist ein 1,60m großes Weihrauchgefäß, 60kg schwer, welches von 8 Männern zum Schwingen gebracht wird. Mit einer bestimmten Technik bringen sie das Teil dazu durch das komplette Querschiff zu schwenken - das ist wirklich ziemlich beeindruckend. Das ganze wird nur an bestimmten Tagen oder zu bestimmten Anlässen angezündet und als ich das letzte Mal hier war, hatte ich noch nicht die Ehre. Früher diente das dazu den üblen Geruch der hier ankommenden Pilger zu übertünchen.
Völlig entkräftet müssen wir uns nach der Messe erstmal in unserer Tapasbar stärken. Das Witzige dort ist, dass man seine Bestellung selber auf einen Zettel schreibt, den dann zur Kasse bringt, dort bezahlt und dass der Name dann ausgerufen wird, wenn das Essen fertig ist. Zudem ist das Bier mehr als billig... Zudem wird das noch getoppt, dadurch dass heute Sonntag ist und Sonntags alle Tapas nur ein Euro kosten. Somit bestellen wir Unmengen an Essen und ich brauch danach erst mal ein Verdauungsschläfchen. Nach einer kleinen Shoppingtour, in der ich endlich meinen verlorenen Ring durch einen neuen ersetzten kann, kommen wir an einem Churrosladen vorbei und essen dort die besten Churros, die ich je hatte. Nach einem Abstecher in ein Internetcafe geht es dann wieder in die Tapasbar - was für eine Fresserei! Und danach, wer hätte es gedacht, verbringen wir den Abend erneut in verschiedenen Bars bevor wir uns dann von Marc und Davíd verabschieden müssen. Die fliegen morgen früh um 6.00Uhr schon wieder zurück nach Barcelona und es ist echt ein komisches Gefühl zu wissen, dass wir morgen ohne die Zwei unterwegs sein werden. Auch von den Katalanen müssen wir uns verabschieden, die wollen morgen früh weiter nach Muix.

 
Santiago:
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Dienstag, 27. November 2012

Ankunft in Santiago: 12. Tag: 18. August 2012


Um 7.00 Uhr erklingen Kirchenchöre im Zimmer und wir werden vom Herbergsvater geweckt. Unglaublich, aber keiner ist heute früher aufgestanden und es hat auch kein einziger Wecker davor geklingelt! Das ist das erste Mal überhaupt, dass so etwas passiert.
Wir bekommen hier sogar noch ein kleines Frühstück, was aus Marias (spanische Kekse), Marmelade und Kaffee besteht. Spontan entschließen wir uns noch in die Morgenmesse zu gehen und den letzten gemeinsamen "Lauftag" zusammen mit Gott zu beginnen. Danach brauchen wir noch gut eine weitere halbe Stunde um vom gesprächigen Herbergsvater loszukommen und sind somit ziemlich spät dran. Wir laufen relativ gechillt und sind deswegen in der krassesten Mittagshitze immer noch nicht sehr weit. Es ist wirklich unglaublich heiß und es geht zudem auch noch konstant berg auf. Immer mehr Leute tauchen vor uns auf und irgendwann kann man wirklich von Massen sprechen. Ganze Gruppen, ohne Rucksäcke, auf zwei Stöcke gestützt, kriechen den Weg mit hochrotem Kopf entlang und sehen alles andere als glücklich aus. Obwohl wir zu neunt sind, es immer heißer wird und wir einen unglaublichen Wasserverbrauch haben, kommen wir gut voran. Als wir uns gerade einen steilen Berg hoch gequält haben, vorbei an einem Pärchen, das am Wegesrand sitzt und kurz vor dem Kollaps steht, sehen wir zum ersten Mal Santiago vor uns.
Wir machen eine Pause im Schatten der Bäume und genießen den Ausblick auf die Stadt. Von hier kann man sogar schon die Türme der Kathedrale sehen und es drängt uns bald vorwärts. Wir marschieren weiter und erreichen bald die ersten Häuser Santiagos. Quer durch die Stadt mit immer weniger werdenden Pfeilen ziehen wir Schritt für Schritt vorwärts, der Kathedrale immer ein Stück näher kommend! Wir laufen durch einen Park, sammeln uns noch einmal richtig und wissen jetzt, dass wir es gleich geschafft haben. Das Gefühl ist unbeschreiblich, es ist so befreiend, es macht einen unglaublich glücklich und zaubert mir ein riesiges Grinsen aufs Gesicht. Man würde am liebsten den ganzen Touristen entgegen schreien: Seht her, wir haben es geschafft, wir sind 240 km gelaufen, und jetzt sind wir hier!
Irgendwann tauchen die Türme der Kathedrale vor uns auf und gleich darauf stehen wir auf dem Kathedralenplatz. Auch wenn ich hier schon mal stand, bin ich wieder total geflashed von der Größe und der Schönheit der Kathedrale. Es ist ein unglaublich gutes Gefühl auf diesem riesigen Platz zu stehen, zu wissen, man hat sein Ziel erreicht, und wir fallen uns alle in die Arme. Wir setzen uns in den Schatten des Platzes, schauen auf die Kathedrale und feiern uns einfach selber ein bisschen. Nach etwa einer Stunde einfach dort sitzen und die Kathedrale anstarrend, rappeln wir uns hoch und machen einen Abstecher in die Kirche, wie es sich gehört. Danach geht es ab zum Pilgerbüro um uns unserer Compostela abzuholen. Auch hier ist es nicht die erste Compostela, die ich in Händen halten darf und doch ist es wieder etwas ganz besonderes.
Durch Zufall finden wir ein kleines Hostel, sehr zentral gelegen, in dem wir zu neunt unterkommen. Wir belegen drei Zimmer, mit 4, 3 und 2 Betten zum billigen Schnäppchen von 13 Euro pro Person. Es ist zwar alles mehr als einfach, sehr hässlich gestaltet und in dem Vierbett-Zimmer, in dem ich schlafe, bekommen wir unsere Rucksäcke nur knapp noch rein. Aber wenn man bedenkt, dass die Alberguen hier in Santiago auch schon 10 Euro kosten und man in einem riesigen Schlafsaal am Rande der Stadt untergebracht wird, ist das dagegen wirklich super. Dazu gibt es zwei saubere Bäder mit jeweils einer Dusche und wir waschen erstmal die zentimeter-dicke Schweißkruste von uns ab. Danach schlendern wir durch die Stadt, essen Döner und finden eine tolle Tapasbar, die sehr billig ist und trinken dort unsere ersten Biere.
Wir ziehen danach von Bar zu Bar, feiern, spielen Trinkspiele und landen irgendwann in einer Bar mit Tanzfläche, wo wir länger bleiben, ausgelassen tanzen und unseren Füßen den Rest geben. Irgendwann haben wir genug und wanken auf den Kathedralenplatz, um uns dort die Kathedrale auf dem Rücken liegend, "falsch herum" bei Nacht anzuschauen. Mein schlaues Buch meinte, dass sei ein Muss. Leider müssen wir feststellen, dass wir wohl zu spät dran sind und die Kathedrale schon nicht mehr angestrahlt wird. Als uns langsam kalt wird, gehen wir zurück ins Hostel, was zum Glück in einer Nebenstraße der Kathedrale liegt, und schlafen sofort ein.

 

Hebrón - Santiago de Compostela:
25,6 km

Samstag, 24. November 2012

11. Tag: 17. August 2012


Für unsere heutige Etappe haben wir uns etwas besonderes vorgenommen. In meinem schlauen Buch wird von einem Kloster berichtet, dass etwas abseits vom Weg liegt, aber einen besonderen Flair bietet. Da ich auf meiner letzten Pilgerreise mit meiner Mama auch schon in einem Kloster übernachtet haben und es da wirklich toll war, bin ich sofort dafür den Umweg von 12km in Kauf zu nehmen. Außerdem entgehen wir so dem Kampf um Leben und Bett.
Entspannt und gut gelaunt stehen wir auf und starten zusammen mit den drei Katalanen durch. Die sind nicht die schnellsten Läufer und fallen immer weiter zurück. So schlendern wir irgendwann gemütlich durch grüne Wälder, über kleine Wege, die uns durch Felder und Wiesen führen, entlang an Bächen bis hin zu einer kleineren Stadt führen. Dort machen wir eine Kaffeepause, Marc verschlingt zwei Eis und wir decken uns in einem Supermarkt mit dem Nötigsten ein. Das Kloster liegt nämlich mehrer Kilometer vom nächsten Laden entfernt! Kurz hinter dem Städtchen trennt sich unser Weg von dem eigentlichen und nur dank dem schlauen Buch finden wir die Abzweigung zu dem winzigen Trampelpfad, der uns zum Kloster führen soll. Es geht "Kleiner-Finger-wo-bist-du" singend mitten durch Gestrüpp hinab zu einem großen Fluss, der sich durch einen dicht bewachsenen Wald schlängelt. Irgendwann führt uns der Weg aus dem Wald heraus und wir befinden uns fast in einer anderen Welt. Es scheint als wären wir grad ein paar hundert Jahre in die Vergangenheit gereist. Wir kommen über Kieswege an alten Steinhäusern vorbei, durch Maisfelder und überqueren dann den Fluss über eine alte Steinbrücke.
Kurz danach stehen wir vor der schönen Kirche vom Kloster Hebrón. Es ist erst 14Uhr und wir müssen noch zwei Stunden warten, bis wir rein dürfen. Ich döse in der Sonne, schreibe Tagebuch und genieß den leichten Wind, der die Sonne erträglich macht. Als die Türen des Klosters aufgehen, sind wir insgesamt 25 Leute (wobei unserer Gruppe ja schon aus neun Leuten besteht), obwohl es eigentlich nur 20 Betten gibt. Das ist dann nach anfänglichen Bedenken des Herbergsvaters auch kein Problem, die Katalanen wollen einfach auf dem Boden schlafen. In der Nähe des Klosters befinden sich zwei kleine Becken, die mit eiskaltem Flusswasser gefüllt sind und die dann auch wirklich fast alle zum Baden animieren.
Der Anblick des leicht grünen und arschkalten Wassers begeistert mich aber weniger - zur Entspannung der Füße allerdings ein Traum! Morgen werden wir in Santiago ankommen, also ist das hier unser letzter gemeinsamer Tag in einer Albergue. Umso mehr genießen wir den Mittag, entspannen in der Sonne, lassen die Seele baumeln, spielen Wizzard und erfreuen uns an den zwei Eseln, die zum Kloster gehören und hier frei rumlaufen. Noch vor dem Essen gibt es dann einen kleinen Gottesdienst in der Kirche, der von zwei Mönchen geführt wird. Ich verstehe zwar nicht viel, und habe auch schon spannenderes erlebt, aber ich genieße die Ruhe und Geborgenheit, die die Kirche ausstrahlt. Außerdem fasziniert mich die Tatsache, dass hier wirklich noch Mönche leben, die hier jeden Tag zwei Mal Andacht halten und ansonsten ziemlich abgeschottet vom Rest der Welt leben.
Nach der Messe gibt es ein gemeinsames Abendessen bei dem Spaghetti mit Bolognese ein Gläschen Wein und Obst zum Nachtisch serviert wird. Der Abwasch wird durch Losverfahren bestimmt, aber ich bleibe verschont. Diese Albergue ist mal wieder nur auf Spendenbasis und wird von Freiwilligen geleitet. Ich bin immer wieder begeistert, dass es so etwas wirklich gibt und dass es sich auch langfristig halten kann.
Wir sitzen noch ein bisschen zusammen und plaudern bevor wir dann irgendwann alle in unsere Betten fallen, die in dem kleinen aber sauberen Schlafsaal aufgereiht sind.

 
Caldas de Reis - Hebrón:
19,9 km

Donnerstag, 22. November 2012

10. Tag: 16. August 2012

Wir starten wieder mal sehr früh durch, snacken kurz und laufen bei leichter Dunkelheit los. Den Anfang vom Weg kennen wir schon, denn das ist der Weg in bzw. durch die Stadt, den wir gestern Mittag schon gelaufen sind. Es gibt wohl nicht viel, was ich ätzender finde, als den gleichen Weg mehrmals zu laufen! Straßenlaternen leuchten den richtigen Weg aus und nachdem wir eine alte Brücke überquert haben, führt der Weg "langsam" aus der Stadt heraus. Alles andere als langsam sind die Jungs heute mal wieder drauf - neues Rekordtempo!
Immer wenn ich denke, es geht nicht schneller, belehren sie mich eines besseren... Am Anfang halte ich ganz gut mit, während der Weg mal wieder durch weite Weinlandschaften führt. Aber irgendwann bekomme ich starke Sehen- und Knieschmerzen und das bei dem Tempo... Immer mal wieder verschiedene Schmerzen an verschiedenen Stellen zu haben, bringt einfach eine schöne Abwechslung und immer neue Überraschungen - sonst wäre es ja auch viel zu einfach... In diesem Fall ist es besonders witzig, weil mich bei jedem Schritt ein unglaublicher Stich im linken Knie und beim nächsten Schritt am rechten Fuß durchfährt. So hab ich sogar bei jedem Schritt Abwechslung! Anfangs kommen wir noch super schnell voran, aber mit der Zeit trennt sich die Gruppe immer mehr auf. Nach und nach verlassen die meisten mein Sichtfeld, nur Michi passt sich netterweise mit den Worten "Ich kann heute auch nicht schneller" meinem Tempo an. Die anderen schießen davon und rennen mehr, als dass sie laufen. Auf den ganzen 22km haben wir nur am Anfang eine kurze Pause gemacht und so hinke ich mit Michi gegen 11.30Uhr völlig geplättet vor die Albergue in Caldas de Reis. Dort sitzen bereits die anderen, die schon seit mindestens einer Halbe Stunde hier chillen und wir reihen uns in die Schlange ein. Die Albergue ist nicht die Größte, und nur 15Minuten nach unserer Ankunft, sind alle Betten belegt. Es ist wirklich schrecklich überlaufen und die Albergue verlangt 5 Euro für ein Bett in einem dunklen hässlichen Raum, ohne Küche oder ähnliches, mit ein paar provisorischen Toiletten und einer Mini-Gemeinschaftsdusche, aus der nur eiskaltes Wasser kommt. Das ist wirklich die schäbigste Albergue in der wir bisher waren, und es reut mich dafür 5 Euro zu zahlen. Da hatten wir schon Unterkünfte auf Spendenbasis, die dagegen Luxus waren.
Nach der schnellsten Dusche meines Lebens begeben wir uns mal wieder auf Essenssuche und finden einen netten Pizzaladen. Wir stärken uns mit Bier und leckerer Pizza und schlendern dann weiter durch das kleine Städtchen. Caldas de Reis ist bekannt für seine heißen Thermalquellen, die schon von den Römern genutzt wurden. Wir kommen an einem alten Becken vorbei, dass früher zum Wäsche waschen benutzt wurde und mit warmen Thermalwasser gefüllt ist. Das Wasser hat optimale Temperatur und wir lassen unsere gequälten Füße darin entspannen. Zufällig finden wir einen kleinen Laden, der trotz Feiertag noch offen hat und decken uns mit Süßigkeiten, Eis und anderem ungesunden Zeug ein.
Zurück in der Albergue spielen wir dann mal wieder eine Runde Wizzard, und es ist echt erstaunlich, dass das Spiel mir auf einmal Spass macht, wo ich doch immer so eine Abneigung dagegen hatte.
Gegen später gehen wir dann in die Bar, die direkt neben der Albergue liegt und die der Hospitalera gehört. Dort gesellen wir uns zu Tim (einem Deutschen) und 3 irischen Mädels, die jetzt schon alle mehr als nur angetrunken sind. Wir haben sie vorhin in dem Pizzaladen schon angetroffen, wo sie schon mehrere Liter Bier mittags runtergezogen haben. Und anscheinend sitzen sie hier auch schon länger und trinken ein Vodka-Lemon nach dem anderen. Dementsprechend gut sind sie dann auch drauf. Wir schließen uns mit ein paar Bier an und ich bin mal wieder erstaunt, wie schnell die Sonne, die körperliche Anstrengung und die Ausgelassenheit mir auch schon nach einem Bier einen Schwips bescheren. Die drei katalanischen Mädels stoßen dann auch noch dazu und wir sind eine echt große laute heitere Runde. Die irischen Mädels und der total volle und inzwischen ziemlich peinliche Tim verabschieden sich dann irgendwann und wir verlegen unsere Runde nach drinnen um noch was zu essen.
Angeschwippst, vollgefressen und total müde wanken wir nach Hause nachdem wir jubelnd fest gestellt haben, dass die vollen Iren alle Getränke, auch unsere, bezahlt haben. Danke euch! Normalerweise schließen die Alberguen schon so gegen 9 Uhr, aber hier bleiben die Türen einfach offen. Also wanken wir für unsere Verhältnisse sehr spät - sprich um 11 Uhr - zurück in unsere Betten.

 
Pontevedra - Caldas de Reis:
22,7km

Montag, 19. November 2012

9. Tag: 15. August 2012

Um 4.45 Uhr klingelt der erste Wecker - alles klar! Da stehen doch wirklich irgendwelche Wochenendpilger schon auf und machen sich laut raschelnd und schnatternd auf den Weg. Ich weiß nicht, was mich mehr schockiert: dass sie um diese Uhrzeit aufstehen oder dass sie auch noch munter genug sind, um zu plappern. Ab da gibt es kein Halten mehr und das Weckerkonzert geht los. Um halb sieben ergeben wir uns und laufen nach einem kleinen Frühstück - noch bei Dunkelheit und Nieselregen - los. Wir kommen schnell voran und überholen einen Frühaufsteher nach dem anderen. Zwischendrin retten wir noch mehrmals Pilger die Abzweigungen übersehen haben - und das obwohl es diesen ungeübten Wochenendpilgern recht geschehen würde... Landschaftlich ist dieser Teil des Weges mal wieder total schön. Zwar führt der Weg mehrmals steil aufwärts, dafür werden wir aber mit einer tollten Aussicht belohnt. Links vom Weg können wir immer wieder das Meer sehen, wie es in der Morgensonne funkelt. Nach dem steilen Aufstieg kommt bekanntlich der steile Abstieg, der uns durch malerische süße Dörfer führt, die gerade einem Bild entsprungen sein könnten.
Nach einigen Kilometern, viel dummes Gelabere und längere Diskussionen über "Lost" und "Herr der Ringe" kommen wir zu einer Bucht, die uns fast den Atem verschlagen lässt. Eine alte steinerne Brücke führt über das Meer, in dem sich der blaue leicht bewölkte Himmel und der grüne saftige Wald spiegeln. Es ist gerade Ebbe und ein paar verlassene Holzboote liegen auf dem schlammigen Grund, während sich die Sonne über den Hügeln im Hintergrund gekämpft hat und uns ein paar warme Strahlen schenkt. Wir machen eine Kaffeepause in einem kleinen Café am Ende der Brücke.
Danach geht es gnadenlos im "Renntempo" der Jungs die Berge rauf. Meine Weggefährten haben nämlich die Theorie entwickelt, dass man Berge schnell hoch laufen muss, dann wird es einfacherer. Ich kann weder der Theorie, noch ihnen folgen und sehe dabei zu, wie sie die Berge hoch schießen. Ich schnaufe wie ein Walross und mein Kopf scheint zu platzen. Außerdem kommt Schweiß aus Poren, von denen ich nicht mal wusste, dass es sie gibt. Ich versuche meine Beine händisch weiter zu lüpfen - Schritt für Schritt - und gleichzeitig die Jungs möglichst nicht lange warten zu lassen.
Nachdem wir endlich die Berge hinter uns gelassen haben, mein Kopf wieder eine einigermaßen normale Farbe angenommen hat und das Hecheln langsam leiser wird, kann ich wieder mithalten und es geht weiter über Feldwegen und kleineren Sträßchen. Die Jungs laufen zu neuen Höchstformen auf, getrieben von der Angst kein Bett zu bekommen. Ziemlich genau vier Stunden, eine Mittagspause und knapp 18km später, kommen wir gegen 11 Uhr an der Albergue an und reihen uns brav in die Rucksackreihe vor dem Eingangstor ein. Heute geht alles sehr "deutsch" und geordnet zu, jeder Neuankömmling wird genau begutachtet und es wird sofort kontrolliert ob er sich auch richtig einreiht - jeder hat wohl aus dem gestrigen Theater gelernt. 13 Pilger sind bereits da und wir haben somit die Sicherheit auf jeden Fall einen Platz zu bekommen. Wir verbringen die zwei Stunden bis zur Öffnung der Tore dösend oder vespernd auf dem Boden. Pünktlich um 13 Uhr gehen die Türen auf und wir bekommen in einem kleinen engen Raume eines von insgesamt 50 eng gestellten Stockbetten zugeteilt. Und ab geht es in die Gemeinschaftsdusche, in der ich Dinge sehen und ertragen muss, die ich wohl nie wieder in meinem Leben vergessen werden kann.
Nach einem kleinen Nickerchen ist der Schock dann auch etwas abgeklungen und wir entschließen uns die zwei Kilometer in die Stadt zu laufen. Allerdings kommen wir erstmal nicht an, weil wir auf dem Weg an einem Dönerladen vorbei kommen. Bei dem Anblick gibt es kein Halten mehr für die Jungs und die große Fresserei geht los. Pappsatt schlendern wir durch die Sträßchen der kleinen hübschen Stadt, wobei alle Läden geschlossen haben, weil mal wieder Feiertag ist. 
Und wieder mal fühlt sich alles so einfach und richtig an. Eines der wichtigsten Sachen, die ich hier von den Jungs gelernt hab, ist: "Es wird schon werden". Und wenn irgendwelche Probleme, Unklarheiten oder Unsicherheiten auftauchen könnten, dann heißt es einfach immer: "Probleme für später" und damit ist die Sache gegessen. Und das stimmt auch. Über das Meiste mache ich mir schon so früh Gedanken und quäl mich damit ewig rum, obwohl es sich dann meistens entweder von selber erledigt oder eh nicht früher geklärt werden kann.
Von den Fünf kann ich mir echt noch eine Scheibe in Bezug auf Gelassenheit abschneiden. Sie sind völlig verplant und unkoordiniert gestartet und kommen trotzdem damit durch. Man trifft hier nicht viele, die nur mit einem verwaschenen Fresszettel unterwegs sind, auf dem nur grob ein paar Kilometerangaben und Verweise auf Alberguen angegeben sind. Ich dagegen glänze mit meinem übergenauem Pilgerreisebuch, das mir jeden Stein und jede Unebenheit auf dem Weg per Meterangabe voraussagt. Und auch wenn sich alle am Anfang einig waren, dass man so ein Buch nicht braucht und es völlig überflüssig ist, schauen dann doch alle mit der Zeit selber regelmäßig in das Buch und lernen einige Details zu schätzen.
Auch unsere Rucksackinhalte unterscheiden sich doch etwas. Stand auf meiner Packliste Wäscheleine, Panzertape, Verbände und Medikamente, Sicherheitsnadeln, Taschenlampe, Essbesteck, Klappmesser und das ultra leichte Minimicrofaserhandtuch, so stand bei den Jungs wohl eher: 2 Bücher, Wizzard Kartenspiel, das große Badehandtuch, 2 Sonnenbrillen, die Lieblingscap und die extragroße Sonnencremetube. Christian hat sich dann auch noch für die besonders schwere aber dafür bequeme Isomatte entschieden, die alleine schon 3,5 kg wiegt. Während die meisten diese schon nach den ersten zwei Tagen beschwingt in den Müll befördert hätten, hat Christian seinen persönlichen Kampf daraus gemacht: Christian gegen 15kg-Rucksack. So viel sei hier schon gesagt - es war ein harter Kampf in dem beide viel einstecken mussten, aber letztendlich hat Christian den Sieg für sich entscheiden können: K.O.-Schlag am 12. Tag...
Und da der Weg nicht alleine schon anstrengend genug, die Berge nicht allein schon steil genug und der Rucksack nicht eh schon schwer genug ist, haben sich die Jungs gedacht, sie schleppen täglich auch noch mehrer Kilo Obst, Nutellagläser, ganze Brotlaibe und eine Auswahl an Aufschnitten mit.
Im Bezug auf Planlosigkeit und Gelassenheit muss an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass Michi, Florian und Marc ihren Hinflug nur bekommen haben, weil ihr Flieger eine Stunde Verspätung hatte. Und auch beim Rückflug war sich Marc lange Zeit nicht sicher, ob er sich überhaupt einen gebucht hatte...
Zurück in der Albergue mal wieder die Zeit mit Nichts-Tun verbracht, einen Happen essen gegangen und dann völlig platt um 21.30 ins Bett fallen lassen.


Redondela - Pontevedra:
17,5 km