Pedrouzo - Santiago de Compostela

10.September 2009:
 - der heiß ersehnte Tag –
Schon fast freudig und beschwingt stehe selbst ich an diesem Morgen auf und gehe Frühstücken.

Gestärkt begeben wir uns auf den Weg, um heute die letzten Kilometer, die nach Santiago führen, zu bestreiten. Der Weg ist immer noch total überfüllt, aber ich renne an allen nur so vorbei, in freudiger Erwartung endlich anzukommen.

 Ich erklimme in Höchstgeschwindigkeit den Monto do Gozo, den Berg der Freude, um endlich den ersten Blick auf Santiago und die Kathedrale werfen zu können. Ich komme somit am Papstdenkmal an, einem riesigen Klotz mit verschieden Bildern darauf. Auf die Stadt sieht man nicht wirklicht, obwohl das manche Leute behauptet haben. Im Nachhinein muss ich sagen, könnte es auch sein, dass wir einfach an der falschen Stelle standen.

Wir laufen also weiter im Glauben von weiter unten die Kathedrale erblicken zu können - dem ist aber leider nicht so. Irgendwo kurz vor dem Ortsschild von Santiago stoße ich, der Pilgertradition getreu, meinen Freudenschrei aus, den ich eigentlich vom Monto do Gozo hätte erklingen lassen sollen. Der erste Blick auf das Ortsschild ist auf jeden Fall ergreifend. Wir sind angekommen, wir haben es geschafft, 500km liegen hinter uns und wir haben es tatsächlich geschafft. 

Der Weg zieht sich dann aber noch endlos durch die Vorstadt von Santiago und die Spannung steigt mit jedem Schritt. Dann ist der große Moment endlich gekommen und wir stehen vor einem der Nebeneingänge der Kathedrale. Zweifelsfrei ist dies ein beeindruckendes Gebäude. Ich bin einerseits total erleichtert angekommen zu sein, aber andererseits macht sich das Gefühl der Trauer in mir breit, wenn ich daran denke, dass ich jetzt bald in mein Alltagsleben zurückkehren muss und somit den Weg, meinen Weg, verlassen muss.
Wir werfen den ersten Blick in die Kathedrale, die aber gerade wegen der 12-Uhr Messe voll gefüllt ist. Also laufen wir um die Kathedrale rum, zu der Hauptfassade und ich atme tief ein, als ich auf die großen Pforten der Kathedrale blicke.

 Wir gehen zuerst in das Pilgerbüro, weil wir eh noch nicht in Messe können. Das Pilgerbüro ist nicht schwer zu finden und die Schlange ist wiedererwartend ziemlich kurz. Voller Stolz überreiche ich der sehr freundlichen und Englisch sprechenden Frau meine zwei Credenciales, die bezeugen, dass ich wirklich den Weg gegangen bin. Die Frau betrachtet diese prüfend und lässt mich derweil einen Zettel mit meinen Daten ausfüllen. Dann sucht sie meinen lateinischen Namen, den sie auf die Compostela kritzelt. Puh, geschafft! Ich halte nun wirklich meine Compostela in der Hand. Der komplette Wisch ist allerdings in Latein, was mich aber in dem Moment reichlich wenig stört.

 Überglücklich laufen wir zurück zur Kathedrale und entschließen uns dann aber doch erst ein Hotel zu suchen, das wir dann auch schnell finden, nämlich nur 50m von der Kathedrale entfernt – besser geht es nicht!
Unser Zimmer befindet sich im dritten Stock (leider kein Aufzug!) und von dem Mini-Balkon kann man sogar einen Blick auf die Kathedrale erhaschen.

 Die Kathedrale wird laufend von riesigen Touristengruppen überschwemmt und somit bilden sich ewig lange Schlangen vor dem Eingang zum Grab mit den sterblichen Überresten des Apostels Jakobus und zu der goldenen Figur des Apostels. Das Grab liegt unterirdisch und ich schicke beim Betrachten der silbernen Truhe ein Dankesgebet zum Himmel. Ich bin angekommen. Danke, an denjenigen, wer auch immer da oben über mich gewacht hat, mich auf meinen Weg beschützt und begleite hat, dass ich heil angekommen bin.
Die Tradition besagt man müsse die goldene Apostelfigur umarmen und küssen. Es führt ein kleiner Durchgang hinter der Figur entlang, so dass ich mir nach dem langen Warten die Sekunden nehme, in Ruhe stehen bleibe, ihn umarme und auf die Schulter küsse und somit offiziell meine Pilgerreise hier beende.
Nach einer längeren Suchaktion finden wir dann die zweite „Pilgerattraktion“ – den Jessebaum. Hier ist es eine Jahrhundertalte Tradition seine Hand an die Säule zu legen, über der Jakobus in Stein thront, damit einem seine Sünden erlassen werden. Außerdem gibt der gläubige Pilger dem steinernen Kopf Mateos (der Schöpfer dieser Steinkünste) drei Kopfnüsse, um an seinem Genie teilhaben zu dürfen. Als wir nach langer Suche also diese Säule finden, müssen wir enttäuscht feststellen, dass einerseits gerade an der Stelle einige Bauarbeiten im Gange sind und außerdem die Kirchenoberhäupter zum Schutz der Säule diese Tradition, durch eine hässliche große Absperrung um die Säule, unterbunden haben. Die wollen mich doch verarschen, ich pilgere doch nicht 500km zu Fuß, um dann festzustellen, dass sie mich um meine Sündenvergebung bescheißen wollen! Nicht mit mir! Mit einigen Streckungen und Verrenkungen gelingt es mir dann in einem unbeobachteten Moment meine Hand kurz auf die Säule zu legen und ich beende somit endgültig meinen Pilgerweg hier, halb liegend auf einer Absperrung. Nur an der Genialität Mateos werde ich wohl nie teilhaben können, schade drum!

 Wie schon gesagt, überkommen mich gemischte Gefühle:
Am Ende meines Weges angekommen zu sein, macht mich einerseits sehr froh, die Erwartung nach Hause in mein gepflegtes und sauberes Leben mit meinen Freunden und meiner Privatsphäre zurückzukommen ist gigantisch. Anderseits bin ich traurig gestimmt, was mich selber sehr überrascht, aber der Weg, das ständige Unterwegssein, die körperliche Anstrengung, die viele Freizeit und die Zeit zum Nachdenken hat mir wohl insgesamt mehr gegeben, als ich erwartet hätte. Somit schaue ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück auf die drei Wochen!
Wir bummeln den restlichen Tag durch die Altstadt von Santiago mit seinen vielen kleinen Gässchen und Lädlchen. Ein Souvenirshop reiht sich an den nächsten und wir lassen kaum einen aus. Von aufnähern, Pins, Fingerhüten, Fächern, Schnaps, Lederarmbändern, Käse (Spezialität von Santiago: Brüstchen (span. Tetilla) – sprich Käse in Form von einer Brust), über Postkarten und T-Shirts bis hin zur Tarte de Santiago kaufen wir alles was die Läden bieten. Ich erstehe ein gezeichnetes Bild der heiligen Pforte, die nur geöffnet wird, wenn der Geburtstag des Apostels auf einen Sonntag fällt, also alle 4; 4; 6; 11 Jahre. Wenn du durch diese Pforte läufst, werden dir all deine Sünden vergeben, heißt es zumindest. Tolle Sache!
Abends lassen wir uns in einem Restaurant nieder - bei Pizza, Wein und Bier wird mir langsam klar, dass ich wirklich kein guter Katholik bin. Ich halte nicht viel davon einem Pfarrer meine Sünden zu erzählen, damit dieser mir eine „Strafarbeit“ aufgibt und mir dann meine Sünden vergibt. Allerdings glaube ich wohl, dass ich meinen Glauben an Gott durch diese Pilgerreise bestärken konnte, ich über meine Fehler nachdenken und sie bereuen konnte und dass die 500km zu Fuß und die damit erlittenen Schmerzen ausreichen dürften, damit mir meine Sünden vergeben werden. 
--> 21km

„Irgendwann kommt jeder an“


11. September 2009:
Heute ist der erste Tag seit drei Wochen, an dem ich nicht laufen werde, zumindest nicht so lange und ohne Gepäck. Meine Füße werden sich wohl sehr wundern. Nach dem Frühstück bummeln wir in die Pilgermesse. Wir hatten gelesen, dass die Namen von allen frisch angekommenen Pilgern vorgelesen werden, aber der Pfarrer (einer von Acht!) liest nur die Anzahl der Pilger aus den verschiedenen Längern vor: 14 Pilger aus Deutschland sind gestern angekommen! Allerdings waren es weniger als aus Frankreich und somit ist die einzige Fremdsprache, in der die Messe noch gehalten wird, Französisch. Na toll, da versteh ich ja noch fast mehr von dem galizischen Spanisch –eine Art Kauderwelsch mit eigenen Wörtern. Insgesamt hatte ich mir aber mehr erwartet, wobei man sagen muss, dass alle Lieder sehr schön von einer Nonne gesungen wurden. Wir bummeln den restlichen Tag wieder in der Stadt rum, treffen alte Bekannte und genießen einfach das Gefühl es geschafft zu haben und am Ziel angekommen zu sein.

 Als es dunkel wird, blicke ich zum letzten Mal an der wunderschön beleuchteten Kathedrale hoch und bin jetzt bereit in meinen Alltag zurückzukehren.
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„Caminante, no hay camino, se hace camino al andar…“

C|_|


...I can stop walking now - 
I know where I'm going...


Kommentare

Quiltmoose - Dagmar hat gesagt…
Liebe Linda,
ich danke dir, dass ich unsere Pilgerreise noch einmal durchleben durfte - diesmal aus deiner Sicht! In der Erinnerung wird diese spezielle Reise mit dir für mich immer ein besonderes Highlight bleiben.

Hdl, Mama
Anonym hat gesagt…
Liebe Linda,
deinen Reisebericht habe ich immer wieder interessiert gelesen, vielen Dank dafür! Meine Achtung vor Eurer Leistung stieg je mehr du erzählt hast.
Meine besten Wünsche für deine Zukunft und liebe Grüsse!
Susi

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