Villafranca - Triacastela

3. September 2009:
Nach einem fetten Frühstückbuffet mit Müsli, Toast, Muffins, Keksen, Kaffee, Tee und Orangensaft für nur 2 Euro in unserer Albergue begeben wir uns auf den Weg, der direkt an der Bundesstraße entlang läuft und dementsprechend sehr unschön ist. Die einzige Abwechslung bringen die Dörfer, durch die wir hin und wieder mal kommen.

Als ich gerade so ein Dorf passiere, kommt vor mir eine Frau aus einem Hinterhof gelaufen, in der Hand hält sie ein Huhn, gepackt an seinen Flügeln, und in der anderen Hand trägt sie ein Hackebeilchen und einen Eimer. Sie läuft ein Stück vor mir her und ich bete zu Gott, dass sie das Tier nicht vor meinen Augen von seinem Kopf “befreit“. Ab und zu gibt das Huhn noch ein Glucksen von sich und ich frage mich, was der Frau wohl durch den Kopf gehen mag und noch besser, was wohl das Huhn denken mag?! Eigentlich will ich’s aber lieber nicht wissen und meine heutige Erkenntnis ist eindeutig, dass ich mich jetzt wirklich auf dem Land befinde.

Nach dem Dorf beginnt der steile Aufstieg. Erst schlängelt sich der Weg auf Teerstraßen kurvig den Hang hinauf, bis er dann zwei Kilometer vor La Faba in einen Feldweg abzweigt. Ab hier nimmt der Weg eine Steigung, von der ich bis dahin gedacht habe, dass sie in der Natur nicht möglich ist.

Hätte ich gewusst, dass mir solche Hänge bevorstehen, hätte ich ernstlich über eine Kletterausrüstung nachgedacht. Ich schnaufe wie ein Walross und komme kaum vorwärts. Ja, genau genommen, beschleicht mich zwischendrin der Gedanke, dass ich mit jedem Schritt nach unten abrutsche und mich lediglich meinem Ziel entferne. Ein weitere “lustiger“ Aspekt von diesem Gekrapsel ist, dass ich grob geschätzt gerade noch zwei Schlucken Wasser mit mir transportiere und das ist angesichts meines Wasserverbrauchs nicht gerade übermäßig viel. Hinter jeder Ecke decke ich, dass ich jetzt das Dorf endlich erreicht haben müsste, aber eine nette Holländerin erklärt mir schnaufend auf einem Stein sitzend, dass sie hier schon mal war und dass es noch ewig so weiter geht und dass das der anstrengensten Teil auf dem ganzen Weg sei. Na klasse, und ich ohne Wasser! Ich quäle mich Stück vor Stück vorwärts und irgendwann erreiche auch ich endlich den Gipfel und mit ihm die deutsche Albergue, wo wir heute die Nacht verbringen werden. Die Aussicht von hier ist traumhaft, im Gegensatz zu der Albergue, die zwar sauber, aber relativ hässlich und unschön ist. Bevor wir in den Schlafraum dürfen, hält uns der Hospitalero auf und fragt jeden nach auffälligen Stichen. Letzte Nacht hätten Leute Wanzen in die Albergue gebracht und sie mussten alles waschen und neu beziehen. Schlagartig wird jeder Mitpilger zu deinem Feind, dem du dich nur noch mit 5Metern Sicherheitsabstand nähern kannst. Wuar, allein beim Gedanken daran, fängt es mich überall an zu jucken…
Nichts desto trotz gesellen sich beim Abendessen fünf junge Pilger mit zu uns an den Tisch und ich muss sagen, ich habe lange schon nicht mehr, so viel gelacht!
--> 24 km

„Ohne Wasser einen Berg zu erklimmen, spart zwar Gewicht, dafür ist dann der Durst der Preis“ 



4. September 2009:
Gleich die ersten Schritte an diesem Morgen, sind Schritte eines weiteren Aufstieges. In aller Herrgottes Früh besteigen wir den bekanntesten und höchsten Berg Galiziens mit seinen 1.300 Metern, den O’Cebreiro. Der Aufstieg ist hart und lang, aber wenigstens kann man kurze Blicke durch die Nebelfelder nach unten ins Tal werfen.

Der ganze Berg an sich hat etwas sehr mystisches, einerseits durch seine rustikalen Steinhäuser, andererseits durch den dicken Nebel, der dort dicht über den Häusern hängt. Leider ist das Ganze auch sehr touristisch und somit Magnetpunkt für viele „Wochenendpilger“, wie ich sie liebevolle inzwischen nenne, also Leute, die ihre Rucksäcke, oder auch gleich sich selber, aus einem Taxi auf dem Gipfel ausladen.

Ich ziehe mich also gerade das letzte Stück eines extrem steilen Hanges hoch und hieve mich gerade zu mit letzter Kraft über die Kante. Ich schwitze wie bescheuert und mein Kopf hat ein nettes rot angenommen und als ich endlich wieder die Kraft habe, meinen Kopf anzuheben, blicke ich genau auf einen gigantisch großen Reisebus, aus dem gerade ältere Pilger aussteigen, mit ihren Minirucksäcken und sich vor mir munter auf den Weg begeben. Vom O’Cebreiro geht es hügelig, Berg ab, Berg auf weiter, doch es klart total auf und der Ausblick ist der Preis für alle Mühen. Ich habe das Gefühl, dass ich unendlich schnell den Weg entlang schwebe und einfach alles schaffen kann….

Als ich eine Stunde später allerdings vor dem bisher steilsten Hang, den ich je gesehen habe, stehe, hinunter schaue und mich fragen muss, wie in aller Welt ich da runter kommen soll, ist mein Gefühl dann doch gänzlich verflogen. Einen Aufzug oder ne Rolltreppe haben sie hier wohl eher nicht, muss ich feststellen, aber was muss, muss…
Etwas geschafft komme ich endlich auf dem letzten Passhügel an und muss auch hier feststellen, dass das „Kurzeitpilger-Dasein“ doch sehr „In“ ist. Ein Reisebus steht schon für die müden <> bereit, um sie den Berg hinunter und direkt zu ihren fetten Hotels zu kutschieren. Ich hab nur Mitleid für sie übrig, denn ihnen wird niemals die gleichen Erfahrungen zu teil werden, die ich hier erleben darf. Stolz, Unabhängigkeit, Ausdauer, Mut und Gelassenheit werden für sie niemals die gleiche Bedeutung haben, wie für mich. Verächtlich überhole ich einige von ihnen in einem Mordstempo, das mich selber erstaunt. Ich weiß nicht woher meine gute Verfassung und mein schnelles Tempo heute kommt, aber ich ziehe leicht beschwingt auch an den anderen Mitpilgern vorbei, die sich qualvoll den Weg entlang schieben, gestützt auf ihre Wanderstöcke.
Die Strecke ist recht nett, außer wenn es durch Dörfer geht. Hier steht nämlich die Kuh-, Pferde- und Ziegenscheiße kniehoch in den Straßen und aus den Häusern laufen verdächtige Rohre mit verdächtig gefärbten Flüssigkeiten, die sich mit der restlichen Pampe vermischen und die Straßen unsicher machen. Einfach nur widerlich! Ich muss etliche Male springen und mein Ausweichtalent anwenden, um der Soße zu entgehen.14 km lang ist der Abstieg von Alto do Poio und ich lege ihn mit kleinen Minipausen in sagenhaften zwei Stunden zurück und bin damit eine ganze Stunde schneller, als mein Führer mir vorausgesagt hatte.

Abends gehen wir in einen schönen, eindrucksvollen und ergreifenden Gottesdienst, mit anschließender Pilgersegnung.

Der Pfarrer ist ziemlich lustig drauf und bezieht die Pilger stark in die Messe mit ein, hält Gebete in mehreren Sprachen und verteilt Kopien mit Gedankengängen zum Weg an alle. 

--> 27km

„Eure Stöcke nützen euch auch nichts – ich krieg euch alle…“ 


C|_|
 

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