Freitag, 15. Januar 2010

Triacacastela - Portomarín

5. September 2009:
Heute haben wir uns eine Route ausgewählt, die über das Städtchen Samos führt, dafür aber etwas länger ist. Der Weg führt an der Straße lang und ist eher mittelmäßig. Außerdem sind hier viel zu viele Pilger unterwegs. Nach ätzend langen 9km kommen wir endlich in einem Dorf an, trinken und snacken ne kleine Runde und laufen dann gestärkt, die teils stark ansteigende Straße entlang.

Nach unendlich langen 2-3 Stunden kommen wir dann in dem hübschen Städle Sarria an, wo wir heute bleiben wollen. Es ist etwas größer (12 000 Einwohner), als die Dörfer, wo wir sonst verweilen. Wir kriechen förmlich zur Albergue, die einen sehr hübschen und großen Garten mit Brunnen angeschlossen hat. Außerdem gibt es eine Sonnenterasse mit Liegestühlen, alles sehr schön gestalten, mal abgesehen von den 8-Bett-Räumen, die im Vergleich relativ hässlich sind.

Wir spannen den ganzen Tag in der Sonne aus, trinken Cerveza, essen und genießen den herrlichen Tag. Abends beobachten wir dann bei einer leckeren Pizza die Dorfbewohner, die anstatt Fern zu schauen oder ähnlichem, an der Straße sitzen und uns und die anderen Pilger beobachten, die vorbeihumpeln, geknechtet vom Weg und gebrandmarkt von der Sonne.

-->23km

„Manchmal, aber nur manchmal, bin ich heilfroh, dass ich in Stetten wohnen darf, wo wenigstens die Scheiße nicht durch die Straßen läuft.“


6.September 2009:
Als ich meine müden Pilgeräuglein an diesem Morgen um 7.00Uhr öffne, strömt gerade eine gigantisch laute und unfassbar große Pilgermaße an dem Alberguefenster vorbei. Es scheint, als ob eine Schulklasse sich entschlossen hätte, gemeinsam die letzten 100km (bzw. genauer gesagt 111km ab hier) zu laufen, so wie es übrigens viele manchen. Auch diese zähle ich zu den „Wochenendpilgern“, da sie 100km laufen und somit nicht ansatzweise das Gefühl des Pilgerns erleben. Allerdings lässt mich die Größe der Gruppe stark zweifeln, dass es ein effektives und lustiges pilgern für sie wird.
Wir stehen also gemütlich auf, gehen im nahe gelegenen Restaurant erstmal ausgiebig frühstücken und laufen dann Punk 8.00Uhr los.
Gerade rechtzeitig begeben wir uns auf den Weg, um einer älteren „Wochenendpilgergruppe“ ins Foto zu laufen. Sie scheinen hier offensichtlich ihren Weg anzufangen und schießen gerade ein Start-Beweis-Foto. Wenn ich mir die Damen so anschaue, ist das auch bitterböse nötig, ansonsten würde es ihnen wohl keiner glauben, dass sie sich auch nur ansatzweise dem Weg genähert hätten.
Hier erst zu starten ist, wie gesagt, schon verwerflich genug, aber das Ganze wir noch durch das Auftreten der Damen um ein vielfaches verstärkt. Eine Dame trägt zum Beispiel eine Abzipphose, Wanderboots und Obenherum ein T-Shirt, das sie mit einem dünnen (man könnte meinen einem Seiden-) Schaal kombiniert, den sie lässig über ihre Schultern geworfen hat – sieht halt einfach schicker aus, als so eine dumme Jacke und passt von der Farbe auch perfekt zu ihrem Rucksäckchen, dass muss ich ihr lassen.
Eine andere Frau glänzt mit einer Vollbeladenen Umhänge-Tasche, die sie aber nur auf einer Schulter trägt. Ich mein, ganz klare Sache, etwas Praktischeres könnte ich mir für das Wandern über 100km auch nicht vorstellen.
Der Rest der Truppe trägt ebenfalls Mini-Rucksäckchen, die aber für die Tatsache, dass das ja eindeutig nicht das Hauptgepäck sein kann, ziemlich voll gestopft sind und ich mich zwangsläufig fragen muss, was die betuchten Damen dann um alles in der Welt in diesen Rucksacktäschchen mit sich herumschleppen. Natürlich lassen die Damen sich auch nicht lumpen und “pilgern“ mit ihren besten Perlohrringen und dem feinsten Goldschmuck, wie denn auch sonst. Na ja, wie auch immer, wir lassen sie verächtlich und ohne Gruß hinter uns, während ich mich ärgerlich frage, in welchem Luxushotel sie heute nächtigen werden und welcher Bus sie wohl dahin kutschieren wird. Stolz überkommt mich gleichzeitig, dass ich den Weg mit eigener Kraft schaffe und zwar mit all meinem Gepäck auf dem Rücken, das ich brauch und das Ganze auch noch in Bestzeit. 


Nun gut: weiter im Weg! Berg auf und wieder hinunter, über Felder und an Weisen entlang, auf denen der Morgentau noch liegt. Weiter unten im Tal hängt der Nebel träge über den Weiten Galiziens, während weiter oben schon das Licht der Morgensonne durch die Wälder bricht und Spanien in eine Art „Auenland“ verwandelt. 

Es geht durch zahlreiche (leicht geruchsvolle!) Dörfer, durch schönste Landschaft, der ich echt etwas abgewinnen kann. Leider geht es zu, wie zur besten Wanderzeit und der Weg ist brechend voll von Pilgern und solchen, die es versuchen, zu sein. Während wir in einer Bar pausieren, können wir laufend interessante „Wochenendpilger“ beobachten, wie sie sich qualvoll vorbeischleppen und das obwohl sie nicht mal einen Rucksack aufhaben. Eine Frau läuft im Trägerlosen Top vorbei, wobei als ich sie später überhole, hat sie nicht mal mehr das an, sondern schlendert im Bikini-Oberteil durch die Gegend, während zwei fette Speckrollen links und recht an ihr herunter hängen. Es ist ein grausiges Bild und gleichzeitig muss ich unweigerlich laut lachen, wobei ich dieses wohl nie wieder aus meinen Albträumen vertreiben werden kann.
Ein weiterer "Pilger" läuft lediglich mit einer Plastiktüte in der Hand – man bin ich eitel, dass ich so viel Gepäck mitnehme, wo doch anscheinend alles in eine Plastiktüte zu passen scheint!
Später treffe ich übrigens wieder auf die Klasse, die inzwischen von einem Auto mit offener Ladefläche begleitet wird, auf der lauter Rucksäcke liegen. Außerdem verteilt jemand aus dem Auto Wasserflaschen und Essen an die Jugendlichen.
Der Weg führt uns nach Portemarín, eine Stadt die praktisch gleich zwei Mal erbaut wurde, weil die frühere Stadt wegen eines Staudammes komplett geflutet wurde. Allerdings hat man die zwei Kirchen Stein für Stein abgetragen und auf dem Berg wieder aufgebaut. 


Es geht auf einer tollen Brücke über den Fluss und der Anblick der sich mir hier bietet, ist wirklich atemberaubend. Ich muss immer wieder anhalten und kann meinen Blick kaum von der Landschaft lassen.

Eingecheckt haben wir heute, welch große Schande (!), in einem Hostal. Leider sind wir uns zu “fein“ für die hier total überfüllte Albergue, mit 120 Liegen in einem Raum. Das Städtchen ist echt ganz nett und mal wieder ist einiges los in den Straßen, da wie jeden Sonntag, wie mir scheint, ein Fest steigt.
-->24km

„Der Weg bleibt denen verborgen, die nicht alles geben, um ihn zu sehen“


C|_| 
 

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