Samstag, 2. Januar 2010

Sahagún - León

26.August 2009:
Um Punkt 6.00Uhr ging heute Morgen ein herrlicher Choralgesang los – direkt vor unserer Zimmertür. Das Ghettoblaster gibt alles und beschallt das ganze Haus. Anscheinend wollen sie die Pilger möglichst schnell loswerden.
Wie schon mal erwähnt: ich bin ein Morgenmuffel. Ich brauche morgens meine Ruhe, will möglichst mich und meinen Mund nicht bewegen. Im Gegensatz zu mir, steht allerdings meine Mum. Sie zwitschert heiter vor sich hin, erfreut sich an jedem Stein und jeder Minute von einem Morgen und teilt mir das auch Liebenswerterweise mit. Sie lässt sich auch nicht von meinen knappen und mürrischen Antworten, wie „hmjo“ oder „rhhne“ irritieren und ist heiter und frohen Mutes, während ich einfach nur noch zum Massenmörder werden möchte.
Außerdem läuft sie morgens relativ flott, ganz im Gegenteil, zu mir, denn irgendwie wollen meine Muskeln und Knochen morgens genauso wenig, wie mein Geist und alles andere von meinem Körper… Ich brauche meine Zeit, bis ich eingelaufen bin und bis ich mein Tempo gefunden habe. Na ja, und nichts ist anstrengender, als nicht sein eigenes Lauftempo laufen zu können.

Schon früh kommen wir heute, relativ fit sogar, in „el Burgo Ranero“ an und müssen noch ganz schön lange vor der Herberge warten, bis diese endlich aufmacht. Die Albergue ist im Adobe-Baustil gebaut, was ganz interessant ist, mal genauer zu sehen. Im Prinzip könnte man sagen, das Haus besteht nur aus Stroh, verkleidet mit Dreck und Schlamm.


Trotzdem ist es drinnen sehr sauber und freundlich. Das ist etwas, was wirklich zählt – Sauberkeit! Ich bin jedes Mal dankbar, wenn wir eine Albergue erwischen, die Matratzen hat, auf die man sich legen kann, ohne sich Gedanken machen zu müssen, was für Krankheiten hier einen ereilen könnten. Alles in Allem, ist dies also eine super Albergue, die lediglich auf Spenden basiert.
Das Dörfchen scheint vollständig ausgestorben zu sein, und so chillen wir mal wieder und haben nichts zu tun, außer unsere Mitpilger zu beobachten, zu trinken oder zu essen.

Am Anfang unserer Reise haben wir zwei Deutsche getroffen, die lautstark verkündeten, sie hätten schon total viel abgenommen. Inzwischen ist mir echt unklar, wie man hier überhaupt nur ein Gramm verlieren sollte. Man läuft ein paar Stunden vom Tag, aber den restlichen Tag verbringt man nun mal nur mit Essen. Das wirklich Blöde ist halt einfach, dass essen, so viel leichter ist, als laufen!

Eine wirklich witzige Begleiterscheindung des Jakobswegs ist, dass wir häufiger meinen, Leute zu treffen, die unmöglich echt hier sein können, aber der entsprechenden Person doch zum Verwechseln ähnlich sehen: George Clooney hat uns neulich unsere Haltestelle gezeigt, Justin Chambers (Alex Karev von Grey’s Anatomy) lief ein Stück mit uns, Aragon saß beim Essen am Nebentisch und manch einen Klon aus meinem Alltagsleben ist mir hier schon begegnet. Ich bin doch schon sehr gespannt, wen ich hier noch alles treffen darf.
-->19km

„Entweder man gewinnt, oder man verliert. Alles dazwischen ist Interpretationssache!“


27. August 2009:
Gebt mir Kaffee oder ich bewege mich kein Stück. Wenn sich der nächste Kaffee allerdings 13,5 km von dir befindet, die einzige Möglichkeit aber laufen ist, weißt du, dass das heute sicherlich kein Traumtag wird. Das blöde Dorf, will und will einfach nicht näher kommen. Ich quäle mich Schritt für Schritt vorwärts und am frühen Mittag hat es schon um die 30°C.

Ich verliere über das Schwitzen so viel Flüssigkeit, dass ich mich echt ranhalten muss, sie durch Trinken wieder aufzufüllen. Das Laufen geht heute ganz gut und wir kommen schnell vorwärts, auch wenn es sich für mich anfühlt, als würde ich dem heuten Tagesziel keinen Zentimeter näher kommen. Wir überholen die Meisten andern Pilgern und lassen sie meist schnell hinter uns.
Wir kommen heute nach León, eine der größeren Städte auf unserem Weg und gönnen uns dort mal zur Ausnahme ein richtiges Hotel, direkt im Herzen der Stadt, nur 80m von der Kathedrale entfernt.

Irgendwie beeindruckt diese mich aber nicht übermäßig – ich habe wohl schon zu viele von diesen architektonischen Meisterwerken in letzter Zeit begutachten dürfen.

Insgesamt mag ich die kleineren Dörfer mehr, als die riesigen Städte. Irgendwie Ironie, dass ich beim Pilgern so empfinde, wo ich doch gegen die kleinen Dörfer Zuhause in Deutschland so einen Groll hege.
Wir setzen uns in eine der Bars und trinken mal wieder unser Heißgeliebtes >>Cerveza von Limón<<, was wir hier auf dem Weg kenne- und lieben gelernt haben. Es ist eine Art Radler mit dem Spanischen Mahou-Bier. Mahou bezeichnet sich selber als „el compañero del camino“ und ich kann diesem Werbespruch nur zustimmen!
--> 20km


„Wer seinen Weg geht, dem wachsen Flügel.“ Weisheit des Zen-Buddhismus

C|_| 

1 Kommentar:

Quiltmoose - Dagmar hat gesagt…

Haha! Was für eine Untertreibung! Dich einen Morgenmuffel zu nennen, ist so, als würde man die Niagara-Fälle als einen Schluck Wasser bezeichnen ;-)