Rabanal - Villafranca

1. September 2009:
Auf geht’s – heute erklimmen wir die ersten Berge!
Wir stehen heute etwas später auf, damit wir bei Helligkeit den Aufstieg nach Foncebadón (6km) bewältigen können. Es ist ein ehemals ausgestorbenes Dorf, hoch oben in Nebelschwaden versteckt, dass inzwischen aber wieder belebt wurde und wo wir eine Kaffee-Pause einlegen, um neue Kraft und Wärme zu schöpfen Außerdem finde ich dort ein sehr schönes Lederarmband, dass mich immer daran erinnern soll, wie Stolz ich auf mich sein kann, so weit gekommen zu sein.
Der Aufstieg ist leichter als gedacht, was nicht heißt, das er spuren los an mir vorbei geht. Es windet ziemlich stark und in Kürze drohen mir meine Ohren abzusterben. Man fühlt sich fast wie im kältesten Winter, und ich ärgere mich etwas über diesen Land, in dem es entweder viel zu warm oder viel zu kalt ist! Die Gegend ist eigentlich sehr schön und der Ausblick atemberaubend, aber auch nur, wenn sich mal für kurze Momente der Nebel lichtet. So wandere ich hier “einsam“ vor mich hin; wenn man aber genau schaut irren hier einige Pilger herum, doch der Nebel lässt die Meisten still und heimlich einfach verschwinden. Man merkt nie ganz genau, wo es lang geht und ob man den Gipfel schon erreicht hat, oder nicht. Nach einiger Zeit erhebt sich majestätisch das Cruz de Ferro vor mir aus dem Nebel. Für mich (und meine Mum genauso), ist dies ein wichtiger Meilenstein auf meinem Weg. Es besteht die alte Tradition, der Pilger seit Jahrhunderten von Jahren schon folgen, dass ein jeder einen von Zuhause mitgebrachten Stein hier ablegt, der symbolisch für all seine Lasten und Sünden steht, die hier auf dem Weg zurückgelassen werden sollen. So klettere auch ich auf den riesigen Steinhaufen und werfe all meine Sorgen und Ängste hier auf dem Monte Irago, auf 1531m Höhe ab und krepsele anschließend befreit und erleichtert (ach der 35g Stein-Gewicht wegen) wieder herunter.

Dann geht unsere Wanderung weiter, vorbei an einer fetten freilaufenden Kuh (mit spitzen Hörnern!) und zwei gigantisch großen böse-dreinblickenden Hunden, durch Nebelschwaden, berg auf und berg ab. Der Nebel hat übrigens etwas gegen meinen tollen und treuen Begleiter, meinem Strohhut, und macht ihn “etwas“ nachgiebig und elastisch… Aber er hat auch etwas Positives: wir bemerken zwar immer wieder An- und Abstiege, können aber nicht wirklich feststellen, wann wir die zweite Passhöhe passieren.
Irgendwo dort oben in der Kälte und der Einsamkeit hat sich ein ehemaliger Pilger, namens Thomás, niedergelassen. Inzwischen betreibt er dort in der Einöde eine Albergue und versorgt die vorbeilaufenden Pilger mit Kaffee und Tee. Außerdem kann man hier beiwohnen, wenn Thomás alte Riten der Tempelritter durchführt, da der Aussteiger sich wohl selber noch zu den Kreuzrittern aus alten Zeiten zählt. Ein winziger Makel an dieser ganzen Aussteiger-Hütte ist wohl das fehlende Klo bzw. das winzige Plumpsklo, das etwas weiter geduldig auf seine Besucher wartet.

Irgendwann nach stundenlangem Umherirren durch die Wolken, ist ein deutlicher und schwerer Abstieg zu merken und mir wird klar, dass wir nun die Montes de León hinter uns gelassen haben.
In Riego de Ambrós suchen wir uns eine Albergue und erwischen dort ein kleines Kabinchen mit zwei Betten. Ich lege mich nach einer ausgiebigen Dusche für ein Nickerchen hin und werde drei Stunden später von meiner Mutter geweckt. Ok, ich war wohl erschöpfter, als gedacht!
Wir gehen in die einzige Bar im Ort und genießen unser Pilgermenü, während die Abendsonne ins Restaurant scheint. Spontan kommt uns dann die Idee, hier nicht zu verweilen, sondern 5 km weiter ins Städle Molinaseca zu ziehen, um Morgen früher in Ponferada zu sein und in der Albergue einen neuen Pilgerpass zu bekommen.
So wandeln wir nach dem fetten Essen zurück zur Albergue, packen still und leise unser Zeugs zusammen und stolpern hastig raus. genau in die Arme des Hospitaleros, der aber eindeutig zu verdattert ist, um was zu sagen.

In die Abendsonne hinein, sozusagen, „der Sonne hinterher“, beginnen wir heiter und beschwingt den steilen und steinigen, aber dennoch sehr schönen Abstieg. Wir kommen heil kurz vor Dunkelheit in dem hübschen Städtchen an, das prachtvoll im Abendlicht vor uns liegt.

Quer durch die Stadt geht es zu einem Refugio, wo uns der “schwarze Mann“ (ein älterer Deutscher, total in schwarz gekleidet mit einem langen geflochteten Kinnbart – es gibt hier schon lustige Figuren) an Stelle des Hospitalers begrüßt, da dieser bereits schläft.
-->28km

„Ja, über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos. Zwar bleiben nicht alle Ängste und Sorgen darunter verborgen, aber dennoch gibt es einen Weg sie zurückzulassen“


2. September 2009:
Wir hatschen heute früh nach Ponferada, und wie es große Städte so an sich haben, gibt es hier endlose Vorstädte, die nicht aufzuhören scheinen, mit ihren hässlichen Straßen und ihren noch hässlicheren Häusern. Ich glaub mir ist so langweilig, dass ich mal wieder ganz genau darauf höre, was mein Körper mir so zu erzählen hat und siehe da, auch wenn ich das Schreien meiner Sehne die letzten Tage ziemlich gut überhört habe, kann ich sie jetzt umso deutlicher hören.
Nach schier endlosen 7km kommen wir im Zentrum von Ponferada an und laufen an der sehr imposanten Templerburg aus dem 12./13. Jahrhundert entlang.

Ponferada raubt mir meinen letzten Nerv, alles ist schlecht ausgeschildert und die Leute sind zwar hilfsbereit, aber haben wohl selber alle nicht so den Plan, wo’s lang geht.
Endlich aus Ponferada draußen, entscheiden wir uns für den schöneren, dafür aber längeren Weg  nach Villafranca del Bierzo. Durch “schönsten“ Sonnenschein geht es Kilometer um Kilometer durch hügelige Landschaft, die vom Weinbau geprägt ist.

Mama ist kurz vor dem Zusammenbruch, als wir endlich das Dorf erreichen und in dem Moment bin ich mir nicht sicher, ob sie den Weg zur Albergue überhaupt noch schafft, die am Ende des Dorfes liegt. Dieses zieht sich aber gut und gerne über zwei endlose Kilometer hin. Vor den Stufen der Albergue angekommen, scheint es, als würde sie jeden Moment umkippen und nie wieder aufstehen und ich überlege gerade, wie ich sie um Himmels willen, die Stufen hochbekommen soll. Doch irgendwoher schöpft sie ein letztes Mal Kraft und hievt sich die Treppen zu unserem hübschen 2-Bett-Zimmer hoch, dass sehr sauber und nett hergerichtet ist und sogar einen kleinen Balkon besitzt (12Euro pro Person).

Heute gönnen wir uns einen besonderen Luxus. Ich besorge einen Wäschekorb, den wir bis oben hin mit dreckigster und übelst-riechender Dreckwäsche füllen und ihn dann für 5 Euro der Hospitalera in die Hand drücken. Nach dem Abendessen, steht der Korb mit frisch gewaschener und sauber zusammengelegter Wäsche wieder vor unserer Tür. Es ist wirklich der pure Luxus nach so langer Zeit Handwäsche, wieder richtig frische Klamotten tragen zu dürfen.
--> 21km
„Jede Stadt hat ein Ende!“


C|_|

Kommentare

Quiltmoose - Dagmar hat gesagt…
Hey, nach dem Riesen-CcL aus dem eisgekühlten Glas war ich aber wieder fit wie'n Turnschuh! ;-)

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