Dienstag, 19. Januar 2010

Portomarín - Arzúa

7. September 2009:
Wir verlassen gechillt heute Morgen unser bequemes Bett und schließen uns nach dem Frühstück dem endlosen Pilgerstrom wieder an und folgen ihm aus Portomarín hinaus, über eine sehr wackelige Metallbrücke, die in Deutschland 100%ig einer Sicherheitskontrolle nicht standgehalten hätte!

Es geht über 5km nur bergauf, vorbei an einer wohlriechenden Geflügelfarm und ähnlichen Scherzen. Der Weg ist allerdings kaum auszumachen vor lauter Pilgern, die ich inzwischen alle nicht mehr sehen kann, da kaum einer von ihnen meinen Pilgerkriterien standhalten kann.
Früh schon ist es sehr heiß und auch in Galizien geizen sie etwas mit ihrem Schatten.
Da ich in müheseligen Überholungsaktionen einige Pilger hinter mir gelassen habe und nicht will, dass diese mich wieder überholen, laufe ich in einem ansehnlichen Tempo weiter, Stunde um Stunde, Kilometer um Kilometer. In Palas de Rai finde ich nach langer Suche eine nette Pension (die Albergue ist wieder total überfüllt und die meisten Hostals sind voll!) mit süßem Zimmer und eigenem Bad für 30Euro. Was für ein unglaublicher Luxus ein eigenes Zimmer zu haben…

Mama ist noch unterwegs und kommt eine Stunde später an und ist froh über meine “Errungenschaft“. Wir laufen ziemlich stark getrennt, seit es meiner Sehne etwas besser geht und ich den Schmerz einigermaßen im Griff habe. Allerdings muss man sagen, dass das ganze Hoch und Runter nicht gerade zur Heilung beiträgt.
Wie der Führer schon angekündigt hat, ist Palas de Rai „eine Stadt ohne Gesicht“, in der mich rein gar nichts anspricht und ich bin mir sicher, dass sie mir nicht lange im Gedächtnis bleiben wird.
Nachdem wir festgestellt haben, dass wir Morgen, nicht wie gedacht, eine kurze Etappe zu bewältigen haben, sondern im Gegenteil, eine 30km lange Strecke vor uns haben, vergeht sowohl mir, als auch Mama die Lust weiterzulaufen. Oh man, aber was soll man machen, wir müssen weiter und da hilft nun mal nur laufen.
-->26 km

„Irren ist Menschlich, aber sei gewarnt, die Folgen können schmerzhaft sein“


8. September 2009:
Das Aufstehen fällt sehr schwer, wenn man weißt, wie viel man vor sich hat. 30km klingen nach einer Unendlichkeit und bei den Schmerzen, die ich schon vor dem Losegehen habe, bezweifle ich, dass ich heute jemals am Ziel ankommen werde. Dieser verflixte Wecker klingelt unbarmherzig und so quälen wir uns aus unseren kuscheligen Betten, um die ersten Schritte an diesem Tag zu machen.
Der Weg geht durch das typische Galizien, Hügel neben Hügel und Kornspeicher neben Kornspeicher. Schon beim Heraustreten aus der Pension ist mir aufgefallen, dass es heute viel wärmer ist, als all die Tage zuvor und es verspricht ein sehr heißer und staubiger Tag zu werden. Na super und das bei der Strecke!

Meter reihen sich an Meter und diese werden zu Kilometer. Ich schlendere heute bewusst langsamer als all die Tage zuvor, um mir meine Kraft einzuteilen. Als mich allerdings zwei deutsche Jugendliche (15 + 16 Jahre) einholen, komme ich mit ihnen ins Gespräch und passe mich ihrem Tempo an. Dieses ist allerdings alles andere als gemütlich, da sie Angst vor einer überfüllten Albergue haben, da sie gestern erst vor einer vollen standen und keinen Schlafplatz mehr bekommen haben. Die Zwei erzählen, dass sie eigentlich zu viert unterwegs sind, aus Ulm stammen und zwei von ihnen in Frankreich und zwei von ihnen in Burgos gestartet sind. Das Ganze finde ich beeindrucken, zum einem wegen ihren echt jungen Jahren und zum anderen wegen ihrer totalen Entschlossenheit, das hier durchzuziehen. Seine Grenzen aufgezeigt bekommen, Gott finden, sich selber suchen – das scheint nicht nur mich angetrieben zu haben… Dadurch das ich mich durchgehend unterhalte, bemerke ich nicht, wie schnell wir die Kilometer hinter uns lassen und ich bin selber total erstaunt, als wir an der Albergue ankommen, wo die zwei sich für heute mit ihren Freunden verabredet haben.

Ich laufe allerdings noch weiter in die nächste Stadt, wie ich es mit Mama ausgemacht habe.
Wenn Palas de Rai schon gesichtslos war, dann ist Arzúa gänzlich ohne Kopfumriss. Die Stadt ist so was von hässlich und ungemütlich, das ich nicht weiß, wie man es hier länger als einen Tag aushalten soll.
Auch wenn es heute teilweise echt hart war, bin ich jetzt umso stolzer auf mich, die 30km so gut geschafft  zu haben. Es ist ja nicht nur die immense Anzahl an Kilometern, sondern gerade auch das Gepäck spielt eine große Rolle und natürlich auch die unglaubliche Hitze, die massiv an den Kräften zerrt. Es ist so warm, dass ich zeitweise geglaubt habe, ich würde an einem Hitzeschlag sterben oder innerlich komplett austrocknen, bei all der Flüssigkeit, die ich heute ausgeschwitzt habe.
--> 31km

„Der Körper besteht 90% aus Wasser und das ist auch gut so!“

C|_| 

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