Samstag, 2. Januar 2010

León - San Justo


28.August 2009:
Der Weg geht heute durch León und seine Vorstädte, 9 km bis nach Virgen del Camino, wo wir endlich den Großraum León verlassen.
Ich habe starke Schmerzen an meiner Achillessehne und humpele extrem. Jeder Schritt ist eine unglaubliche Überwindung und die Berge helfen nicht gerade, leichter voran zu kommen. Ich kann meinen Fuß nicht mehr normal abrollen und belaste dadurch unnatürlich meine Hüfte. Schon nach kurzer Zeit bekomme ich es mit abnormalen Hüftschmerzen zu tun, dass ich mich schon fast nach einer Hüftprothese sehne. Ich sehe aus wie der letzte Krüppel und krieche praktisch nur den steilen Hang hinauf. Als ich oben ankommen, kann ich nicht mehr weiter. Ich bin am Ende. Tränen steigen in mir auf und ich kann sie nicht mehr zurückhalten. Ich habe solche Schmerzen und fühle mich einfach total hilflos. Ich glaube, ich habe mir noch nie solche Schmerzen selber zugefügt und habe trotzdem nichts dagegen getan und sie einfach unterdrückt. Wir setzen uns einige Minuten an den Wegrand und ich genieße einfach nur jede Sekunde, in der ich nicht weiterlaufen muss.
Nach einer Pause geht es dann erstmal weiter und ich versuche krampfhaft, normal zu laufen und lieber den Schmerz an der Sehne zu ertragen, als mich wieder mit meiner Hüfte anzulegen. Ich bin heute wirklich an meine Grenzen gekommen und muss spüren, dass irgendwo Schluss ist. Das gehört wohl auch zu einer der Erfahrungen, die ich hier auf dem Weg machen muss.

Wir finden heute Unterkunft in einer netten, kleinen Albergue und haben sogar das Glück, ein 2-Bett-Zimmer zu bekommen. Allerdings ist die Matratze nicht gerade ansprechend und ich lege sowohl eine Decke, als auch meine Isomatte und meinen Schlafsack drauf, bevor ich mich ihr auch nur ansatzweise nähern kann.

Das Dorf ist sehr klein, aber trotzdem sieht mein ziemlich viele junge Leute hier durch die Straßen schleichen. Es ist mir ein Rätsel, wie diese hier leben können, in diesem Kuhkaff, „in the middle of nowhere“ , wo es einzig und allein eine Panadería gibt und es bis zum nächsten Dorf ein weiter Weg ist. Was machen die hier nur den ganzen lieben langen Tag? Und da muss ich erkenne, das es mich noch härter, als mit Stetten, hätte treffen können!

Ich habe an diesem Nachmittag einen Tiefpunkt, von bisher ungeahnter Tiefe. Es kommt einfach zu viel zusammen. Der Weg macht mich nicht nur physisch fertig, sondern auch psychisch. Dadurch, dass man körperlich völlig erschöpft ist, und viel zu viel Zeit hat, um über sein Leben nachzudenken, kommt manches hier einfach stärker hoch, als normalerweise. Der Tag heute war, von Schmerzen her, fast unerträglich und ich muss an meine Freunde Zuhause denken, die sich gerade wohl vergnügen und einfach ihr Leben genießen. Ich sehe nicht mehr, warum ich mich dazu entschlossen habe, meine Sommerferien zu opfern, um mir selber Schmerzen zuzufügen. Ich muss an die 12. Klasse denken, die mir Angst macht und an einiges ungeklärtes in meinem Leben. Zum zweiten Mal an diesem Tag, kommen mir die Tränen und das macht mich noch wütender, als ich eh schon bin. Ich kann mir bei besten Willen nicht vorstellen, noch zwei weitere Wochen so weiter zu machen. In meiner Verzweiflung rufe ich eine Freundin an, die gerade zwei Wochen in Lloret de Mar verbringt, und dort ordentlich auf den Putz haut. Interessant, dass ich gerade sie anrufe, die im Prinzip ihre Ferien im krassen Gegenteil zu meinen verbringt, nämlich „chillen und Party machen“. Und trotzdem ist es genau sie, die mich daran erinnert, warum ich diese Reise machen wollte und dass ich stolz auf mich sein kann, dass ich schon so weit gekommen bin. Sie gibt mir Mut und bringt mich dazu, nicht mehr alles so Schwarz zu sehen. Ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie mich dazu gebracht hat, nicht aufzugeben!
-->24,5 km

„Krampfhaft locker sein, verkrampft“


„Wer geht, findet seinen Weg.
Die Straße des Lebens:
Trampelpfad alltäglicher Routine?
Schleimweg mittelmäßiger Kleinkariertheit?
Sackgasse ständigen Versagens?
Labyrinth letzter Ausweglosigkeit?
Auf dem Weg sein, immer unterwegs sein, begehbare Wege suchen.
Neue Wege gehen und umkehren können, wenn man sich verrannt hat.
Weggefährten suchen, Menschen, die ein Stück mitgehen.
Und Gott an seiner Seite wissen…“


29.August 2009:
Wir verlassen nach einem Kaffee unsere Albergue um 7.30 Uhr. Über 10km begegnet uns rein gar nichts Spannendes und so kommen wir in eine hässliche und einfache Bar, wo wir einen kurz Stop machen. Der ganze Schuppen lädt allerdings nicht zum Verweilen ein und somit laufen wir weiter, und verzichten vorerst auf ein Frühstück.

4km weiter kommt auch schon das nächste Kaff, wo wir erneut in einer Bar Halt machen. Dort finden wir bedauerlicherweise auch nicht viel Essbares, außer einer Tüte Chips mit Schinkengeschmack, für die ich normalerweise eine Hand geben würde, aber zum Frühstück können sie mich doch nicht so begeistern. Zu unseren Getränken bekommen wir allerdings Tapas, was in diesem Fall bedeutet, dass die Besitzerin uns zwei Stücke Tortilla hinstellt. Dies ist eine spanische Spezialität, ein Eier-Kartoffel-Matsch, die spanische Variante eines Omeletts. Weder Mama noch mich, können diese Stücke zum Frühstück animieren und deswegen lassen wir sie heimlich in der leeren Chipstüte verschwinden und stecken sie in meinen Rucksack, um sie später in der Weite der spanischen Einöde in die Freiheit zu entlassen.

In der größten Hitze geht es durch eine „sanft hügelige Landschaft“, wie es unser Reiseführer versucht uns schmackhaft zu machen, ins nächste Dort, wo wir ebenfalls eine Bar aufsuche, die genauso zum Bleiben animiert, wie ein überlaufendes Stehklo (dem ich übrigens in der vorletzten Bar wirklich begegnet bin). Dort kippen wir schnell ein Cerveza und stapfen eiligen Schrittes weiter, mit dem festen Entschluss, in diesem Dorf, ganz sicher keinen längeren Halt einzulegen.

Der Weg führt durch eine hügelige, staubige Gegend, die mit ihrem roten Dreck und den verdorrten Büschen sehr an Amerika erinnert. Der Weg ist wirklich sehr schön zu laufen, auch wenn es zwei Mal steil bergauf geht und gleich wieder wieder bergab. Nach dem letzten Aufstieg kommen wir an eine runtergekommen Scheune, vor der ein großer Tisch aufgebaut ist, mit allem, was das Pilgerherz erfreut. Eine überaus freundliche junge Frau, um die 25 Jahre, lädt herzlich ein, ordentlich zuzugreifen. Wassermelonen, Bananen, Äpfel, Feigen, Nektarinen, Orangen, Kaffee, Wasser, Limonade (selbst gemacht!), selbstgebackener Kuchen und vieles mehr finden wir hier im „Pilgerparadies“. Noch dazu gibt es einen knallroten Stempel in Herzform mit der Aufschrift „Casa de los Dios“ – Haus der Götter und das klingt in dem Moment auch nicht mal ansatzweise übertrieben! Nach einem Foto mit der Frau (ein junger Mann ist ebenfalls dabei) ziehen wir dankbar weiter, zum Wegkreuz Santo Toribio. Ich bin, wie schon ein paar Mal auf dem Weg, völlig überwältigt, von der Freundlichkeit und Großzügigkeit mancher Menschen hier den Pilgern gegenüber.


Von dem Wegkreuz aus, können wir auf unser heutiges Wegziel San Justo hinunterblicken.

Dort gibt es allerdings nicht einmal eine Albergue, also checken wir im Hostal Julie ein, was ganz nett ist, beziehungsweise einfach nur sauber. Der Nachteil hier ist, dass es nicht einmal ein Restaurant gibt, in dem wir etwas zu Abend essen könnten, daher müssen wir uns für heute mit trockenen Bocadillos con Larma anfreunden, was somit irgendwie auch das einzig Wirklich ist, was ich heute gegessen habe.
Meine Sehne habe ich den ganzen Tag einfach ignoriert und schreien lassen, um auf keinen Fall zu humpeln und wieder meine Hüfte falsch zu belasten. Zum Dank dafür schwillt am Abend mein Fuß rund um meinen Knöchel völlig und auf ungeahnte Dicke an.
-->29 km

„Raise up, and don’t falling down again“Rise up – Yves Larock

C|_|

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

vielen Dank, liebe Linda,
für deine Beiträge.Ich bin immer wieder beeindruckt und bewundere eure Leistung !
Liebe Grüsse! Susi