Donnerstag, 21. Januar 2010

Arzúa - Pedrouzo


9.Spetember 2009:
Mama geht es heute nicht so gut und deswegen krauchelt sie nur langsam vor sich hin. Ich bremse also mein Tempo, um sie nicht aus der Sichtweite zu verlieren, weil ich ansonsten fürchte, sie bricht irgendwo zusammen und bleibt für immer verschollen… Und zurücklaufen gibt’s nicht, falls sie liegen bleibt, also muss ich in ihrer Nähe bleiben!

Das langsame Gehen macht mich allerdings fertiger, als mein eigentliches schnelles Tempo und ich fühle mich nach nur 15km schon völlig gerädert. Unsere heutige Station liegt nicht direkt am Weg – man muss vom eigentlichen Camion ein Stück abzweigen. Natürlich verpassen wir die Abzweigung und laufen etwa 3 – 4km „zu viel“. So ein Mist! Nichts ist ätzender als „umsonst“ zu laufen… Schlussendlich kommen wir aber auch heute an.
Abends gehen wir dann wieder in eine Messe, was mir wirklich gut tut. Ich bete für meine Familie, meine Freunde, für Mary und ihre Angehörigen (Mary ist eine Pilgerin, die 2003 nach ihrer Pilgerreise in Santiago im Schlaf gestorben ist – ein Denkmal am Weg erinnert an sie) und für mich.

Der Pfarrer hat aber übrigens nicht so Bock auf die Messe und rattert die komplette Lesung runter, als hätte er einen Braten im Ofen.
Wir essen mal wieder fett in einer Bar zu Abend: Pilgermenü mit Riesenauswahl für 8Euro, lecker und preiswert!

Jetzt geht es erstmal ins Bett, damit wir morgen frisch und gestärkt die letzten 20km antreten können und unseren Weg dann in Santiago beenden!
-->22km

„Dein eigenes Tempo kann dir niemand vorgeben!“ 

C|_| 

Dienstag, 19. Januar 2010

Portomarín - Arzúa

7. September 2009:
Wir verlassen gechillt heute Morgen unser bequemes Bett und schließen uns nach dem Frühstück dem endlosen Pilgerstrom wieder an und folgen ihm aus Portomarín hinaus, über eine sehr wackelige Metallbrücke, die in Deutschland 100%ig einer Sicherheitskontrolle nicht standgehalten hätte!

Es geht über 5km nur bergauf, vorbei an einer wohlriechenden Geflügelfarm und ähnlichen Scherzen. Der Weg ist allerdings kaum auszumachen vor lauter Pilgern, die ich inzwischen alle nicht mehr sehen kann, da kaum einer von ihnen meinen Pilgerkriterien standhalten kann.
Früh schon ist es sehr heiß und auch in Galizien geizen sie etwas mit ihrem Schatten.
Da ich in müheseligen Überholungsaktionen einige Pilger hinter mir gelassen habe und nicht will, dass diese mich wieder überholen, laufe ich in einem ansehnlichen Tempo weiter, Stunde um Stunde, Kilometer um Kilometer. In Palas de Rai finde ich nach langer Suche eine nette Pension (die Albergue ist wieder total überfüllt und die meisten Hostals sind voll!) mit süßem Zimmer und eigenem Bad für 30Euro. Was für ein unglaublicher Luxus ein eigenes Zimmer zu haben…

Mama ist noch unterwegs und kommt eine Stunde später an und ist froh über meine “Errungenschaft“. Wir laufen ziemlich stark getrennt, seit es meiner Sehne etwas besser geht und ich den Schmerz einigermaßen im Griff habe. Allerdings muss man sagen, dass das ganze Hoch und Runter nicht gerade zur Heilung beiträgt.
Wie der Führer schon angekündigt hat, ist Palas de Rai „eine Stadt ohne Gesicht“, in der mich rein gar nichts anspricht und ich bin mir sicher, dass sie mir nicht lange im Gedächtnis bleiben wird.
Nachdem wir festgestellt haben, dass wir Morgen, nicht wie gedacht, eine kurze Etappe zu bewältigen haben, sondern im Gegenteil, eine 30km lange Strecke vor uns haben, vergeht sowohl mir, als auch Mama die Lust weiterzulaufen. Oh man, aber was soll man machen, wir müssen weiter und da hilft nun mal nur laufen.
-->26 km

„Irren ist Menschlich, aber sei gewarnt, die Folgen können schmerzhaft sein“


8. September 2009:
Das Aufstehen fällt sehr schwer, wenn man weißt, wie viel man vor sich hat. 30km klingen nach einer Unendlichkeit und bei den Schmerzen, die ich schon vor dem Losegehen habe, bezweifle ich, dass ich heute jemals am Ziel ankommen werde. Dieser verflixte Wecker klingelt unbarmherzig und so quälen wir uns aus unseren kuscheligen Betten, um die ersten Schritte an diesem Tag zu machen.
Der Weg geht durch das typische Galizien, Hügel neben Hügel und Kornspeicher neben Kornspeicher. Schon beim Heraustreten aus der Pension ist mir aufgefallen, dass es heute viel wärmer ist, als all die Tage zuvor und es verspricht ein sehr heißer und staubiger Tag zu werden. Na super und das bei der Strecke!

Meter reihen sich an Meter und diese werden zu Kilometer. Ich schlendere heute bewusst langsamer als all die Tage zuvor, um mir meine Kraft einzuteilen. Als mich allerdings zwei deutsche Jugendliche (15 + 16 Jahre) einholen, komme ich mit ihnen ins Gespräch und passe mich ihrem Tempo an. Dieses ist allerdings alles andere als gemütlich, da sie Angst vor einer überfüllten Albergue haben, da sie gestern erst vor einer vollen standen und keinen Schlafplatz mehr bekommen haben. Die Zwei erzählen, dass sie eigentlich zu viert unterwegs sind, aus Ulm stammen und zwei von ihnen in Frankreich und zwei von ihnen in Burgos gestartet sind. Das Ganze finde ich beeindrucken, zum einem wegen ihren echt jungen Jahren und zum anderen wegen ihrer totalen Entschlossenheit, das hier durchzuziehen. Seine Grenzen aufgezeigt bekommen, Gott finden, sich selber suchen – das scheint nicht nur mich angetrieben zu haben… Dadurch das ich mich durchgehend unterhalte, bemerke ich nicht, wie schnell wir die Kilometer hinter uns lassen und ich bin selber total erstaunt, als wir an der Albergue ankommen, wo die zwei sich für heute mit ihren Freunden verabredet haben.

Ich laufe allerdings noch weiter in die nächste Stadt, wie ich es mit Mama ausgemacht habe.
Wenn Palas de Rai schon gesichtslos war, dann ist Arzúa gänzlich ohne Kopfumriss. Die Stadt ist so was von hässlich und ungemütlich, das ich nicht weiß, wie man es hier länger als einen Tag aushalten soll.
Auch wenn es heute teilweise echt hart war, bin ich jetzt umso stolzer auf mich, die 30km so gut geschafft  zu haben. Es ist ja nicht nur die immense Anzahl an Kilometern, sondern gerade auch das Gepäck spielt eine große Rolle und natürlich auch die unglaubliche Hitze, die massiv an den Kräften zerrt. Es ist so warm, dass ich zeitweise geglaubt habe, ich würde an einem Hitzeschlag sterben oder innerlich komplett austrocknen, bei all der Flüssigkeit, die ich heute ausgeschwitzt habe.
--> 31km

„Der Körper besteht 90% aus Wasser und das ist auch gut so!“

C|_| 

Freitag, 15. Januar 2010

Triacacastela - Portomarín

5. September 2009:
Heute haben wir uns eine Route ausgewählt, die über das Städtchen Samos führt, dafür aber etwas länger ist. Der Weg führt an der Straße lang und ist eher mittelmäßig. Außerdem sind hier viel zu viele Pilger unterwegs. Nach ätzend langen 9km kommen wir endlich in einem Dorf an, trinken und snacken ne kleine Runde und laufen dann gestärkt, die teils stark ansteigende Straße entlang.

Nach unendlich langen 2-3 Stunden kommen wir dann in dem hübschen Städle Sarria an, wo wir heute bleiben wollen. Es ist etwas größer (12 000 Einwohner), als die Dörfer, wo wir sonst verweilen. Wir kriechen förmlich zur Albergue, die einen sehr hübschen und großen Garten mit Brunnen angeschlossen hat. Außerdem gibt es eine Sonnenterasse mit Liegestühlen, alles sehr schön gestalten, mal abgesehen von den 8-Bett-Räumen, die im Vergleich relativ hässlich sind.

Wir spannen den ganzen Tag in der Sonne aus, trinken Cerveza, essen und genießen den herrlichen Tag. Abends beobachten wir dann bei einer leckeren Pizza die Dorfbewohner, die anstatt Fern zu schauen oder ähnlichem, an der Straße sitzen und uns und die anderen Pilger beobachten, die vorbeihumpeln, geknechtet vom Weg und gebrandmarkt von der Sonne.

-->23km

„Manchmal, aber nur manchmal, bin ich heilfroh, dass ich in Stetten wohnen darf, wo wenigstens die Scheiße nicht durch die Straßen läuft.“


6.September 2009:
Als ich meine müden Pilgeräuglein an diesem Morgen um 7.00Uhr öffne, strömt gerade eine gigantisch laute und unfassbar große Pilgermaße an dem Alberguefenster vorbei. Es scheint, als ob eine Schulklasse sich entschlossen hätte, gemeinsam die letzten 100km (bzw. genauer gesagt 111km ab hier) zu laufen, so wie es übrigens viele manchen. Auch diese zähle ich zu den „Wochenendpilgern“, da sie 100km laufen und somit nicht ansatzweise das Gefühl des Pilgerns erleben. Allerdings lässt mich die Größe der Gruppe stark zweifeln, dass es ein effektives und lustiges pilgern für sie wird.
Wir stehen also gemütlich auf, gehen im nahe gelegenen Restaurant erstmal ausgiebig frühstücken und laufen dann Punk 8.00Uhr los.
Gerade rechtzeitig begeben wir uns auf den Weg, um einer älteren „Wochenendpilgergruppe“ ins Foto zu laufen. Sie scheinen hier offensichtlich ihren Weg anzufangen und schießen gerade ein Start-Beweis-Foto. Wenn ich mir die Damen so anschaue, ist das auch bitterböse nötig, ansonsten würde es ihnen wohl keiner glauben, dass sie sich auch nur ansatzweise dem Weg genähert hätten.
Hier erst zu starten ist, wie gesagt, schon verwerflich genug, aber das Ganze wir noch durch das Auftreten der Damen um ein vielfaches verstärkt. Eine Dame trägt zum Beispiel eine Abzipphose, Wanderboots und Obenherum ein T-Shirt, das sie mit einem dünnen (man könnte meinen einem Seiden-) Schaal kombiniert, den sie lässig über ihre Schultern geworfen hat – sieht halt einfach schicker aus, als so eine dumme Jacke und passt von der Farbe auch perfekt zu ihrem Rucksäckchen, dass muss ich ihr lassen.
Eine andere Frau glänzt mit einer Vollbeladenen Umhänge-Tasche, die sie aber nur auf einer Schulter trägt. Ich mein, ganz klare Sache, etwas Praktischeres könnte ich mir für das Wandern über 100km auch nicht vorstellen.
Der Rest der Truppe trägt ebenfalls Mini-Rucksäckchen, die aber für die Tatsache, dass das ja eindeutig nicht das Hauptgepäck sein kann, ziemlich voll gestopft sind und ich mich zwangsläufig fragen muss, was die betuchten Damen dann um alles in der Welt in diesen Rucksacktäschchen mit sich herumschleppen. Natürlich lassen die Damen sich auch nicht lumpen und “pilgern“ mit ihren besten Perlohrringen und dem feinsten Goldschmuck, wie denn auch sonst. Na ja, wie auch immer, wir lassen sie verächtlich und ohne Gruß hinter uns, während ich mich ärgerlich frage, in welchem Luxushotel sie heute nächtigen werden und welcher Bus sie wohl dahin kutschieren wird. Stolz überkommt mich gleichzeitig, dass ich den Weg mit eigener Kraft schaffe und zwar mit all meinem Gepäck auf dem Rücken, das ich brauch und das Ganze auch noch in Bestzeit. 


Nun gut: weiter im Weg! Berg auf und wieder hinunter, über Felder und an Weisen entlang, auf denen der Morgentau noch liegt. Weiter unten im Tal hängt der Nebel träge über den Weiten Galiziens, während weiter oben schon das Licht der Morgensonne durch die Wälder bricht und Spanien in eine Art „Auenland“ verwandelt. 

Es geht durch zahlreiche (leicht geruchsvolle!) Dörfer, durch schönste Landschaft, der ich echt etwas abgewinnen kann. Leider geht es zu, wie zur besten Wanderzeit und der Weg ist brechend voll von Pilgern und solchen, die es versuchen, zu sein. Während wir in einer Bar pausieren, können wir laufend interessante „Wochenendpilger“ beobachten, wie sie sich qualvoll vorbeischleppen und das obwohl sie nicht mal einen Rucksack aufhaben. Eine Frau läuft im Trägerlosen Top vorbei, wobei als ich sie später überhole, hat sie nicht mal mehr das an, sondern schlendert im Bikini-Oberteil durch die Gegend, während zwei fette Speckrollen links und recht an ihr herunter hängen. Es ist ein grausiges Bild und gleichzeitig muss ich unweigerlich laut lachen, wobei ich dieses wohl nie wieder aus meinen Albträumen vertreiben werden kann.
Ein weiterer "Pilger" läuft lediglich mit einer Plastiktüte in der Hand – man bin ich eitel, dass ich so viel Gepäck mitnehme, wo doch anscheinend alles in eine Plastiktüte zu passen scheint!
Später treffe ich übrigens wieder auf die Klasse, die inzwischen von einem Auto mit offener Ladefläche begleitet wird, auf der lauter Rucksäcke liegen. Außerdem verteilt jemand aus dem Auto Wasserflaschen und Essen an die Jugendlichen.
Der Weg führt uns nach Portemarín, eine Stadt die praktisch gleich zwei Mal erbaut wurde, weil die frühere Stadt wegen eines Staudammes komplett geflutet wurde. Allerdings hat man die zwei Kirchen Stein für Stein abgetragen und auf dem Berg wieder aufgebaut. 


Es geht auf einer tollen Brücke über den Fluss und der Anblick der sich mir hier bietet, ist wirklich atemberaubend. Ich muss immer wieder anhalten und kann meinen Blick kaum von der Landschaft lassen.

Eingecheckt haben wir heute, welch große Schande (!), in einem Hostal. Leider sind wir uns zu “fein“ für die hier total überfüllte Albergue, mit 120 Liegen in einem Raum. Das Städtchen ist echt ganz nett und mal wieder ist einiges los in den Straßen, da wie jeden Sonntag, wie mir scheint, ein Fest steigt.
-->24km

„Der Weg bleibt denen verborgen, die nicht alles geben, um ihn zu sehen“


C|_| 
 

Donnerstag, 14. Januar 2010

Villafranca - Triacastela

3. September 2009:
Nach einem fetten Frühstückbuffet mit Müsli, Toast, Muffins, Keksen, Kaffee, Tee und Orangensaft für nur 2 Euro in unserer Albergue begeben wir uns auf den Weg, der direkt an der Bundesstraße entlang läuft und dementsprechend sehr unschön ist. Die einzige Abwechslung bringen die Dörfer, durch die wir hin und wieder mal kommen.

Als ich gerade so ein Dorf passiere, kommt vor mir eine Frau aus einem Hinterhof gelaufen, in der Hand hält sie ein Huhn, gepackt an seinen Flügeln, und in der anderen Hand trägt sie ein Hackebeilchen und einen Eimer. Sie läuft ein Stück vor mir her und ich bete zu Gott, dass sie das Tier nicht vor meinen Augen von seinem Kopf “befreit“. Ab und zu gibt das Huhn noch ein Glucksen von sich und ich frage mich, was der Frau wohl durch den Kopf gehen mag und noch besser, was wohl das Huhn denken mag?! Eigentlich will ich’s aber lieber nicht wissen und meine heutige Erkenntnis ist eindeutig, dass ich mich jetzt wirklich auf dem Land befinde.

Nach dem Dorf beginnt der steile Aufstieg. Erst schlängelt sich der Weg auf Teerstraßen kurvig den Hang hinauf, bis er dann zwei Kilometer vor La Faba in einen Feldweg abzweigt. Ab hier nimmt der Weg eine Steigung, von der ich bis dahin gedacht habe, dass sie in der Natur nicht möglich ist.

Hätte ich gewusst, dass mir solche Hänge bevorstehen, hätte ich ernstlich über eine Kletterausrüstung nachgedacht. Ich schnaufe wie ein Walross und komme kaum vorwärts. Ja, genau genommen, beschleicht mich zwischendrin der Gedanke, dass ich mit jedem Schritt nach unten abrutsche und mich lediglich meinem Ziel entferne. Ein weitere “lustiger“ Aspekt von diesem Gekrapsel ist, dass ich grob geschätzt gerade noch zwei Schlucken Wasser mit mir transportiere und das ist angesichts meines Wasserverbrauchs nicht gerade übermäßig viel. Hinter jeder Ecke decke ich, dass ich jetzt das Dorf endlich erreicht haben müsste, aber eine nette Holländerin erklärt mir schnaufend auf einem Stein sitzend, dass sie hier schon mal war und dass es noch ewig so weiter geht und dass das der anstrengensten Teil auf dem ganzen Weg sei. Na klasse, und ich ohne Wasser! Ich quäle mich Stück vor Stück vorwärts und irgendwann erreiche auch ich endlich den Gipfel und mit ihm die deutsche Albergue, wo wir heute die Nacht verbringen werden. Die Aussicht von hier ist traumhaft, im Gegensatz zu der Albergue, die zwar sauber, aber relativ hässlich und unschön ist. Bevor wir in den Schlafraum dürfen, hält uns der Hospitalero auf und fragt jeden nach auffälligen Stichen. Letzte Nacht hätten Leute Wanzen in die Albergue gebracht und sie mussten alles waschen und neu beziehen. Schlagartig wird jeder Mitpilger zu deinem Feind, dem du dich nur noch mit 5Metern Sicherheitsabstand nähern kannst. Wuar, allein beim Gedanken daran, fängt es mich überall an zu jucken…
Nichts desto trotz gesellen sich beim Abendessen fünf junge Pilger mit zu uns an den Tisch und ich muss sagen, ich habe lange schon nicht mehr, so viel gelacht!
--> 24 km

„Ohne Wasser einen Berg zu erklimmen, spart zwar Gewicht, dafür ist dann der Durst der Preis“ 



4. September 2009:
Gleich die ersten Schritte an diesem Morgen, sind Schritte eines weiteren Aufstieges. In aller Herrgottes Früh besteigen wir den bekanntesten und höchsten Berg Galiziens mit seinen 1.300 Metern, den O’Cebreiro. Der Aufstieg ist hart und lang, aber wenigstens kann man kurze Blicke durch die Nebelfelder nach unten ins Tal werfen.

Der ganze Berg an sich hat etwas sehr mystisches, einerseits durch seine rustikalen Steinhäuser, andererseits durch den dicken Nebel, der dort dicht über den Häusern hängt. Leider ist das Ganze auch sehr touristisch und somit Magnetpunkt für viele „Wochenendpilger“, wie ich sie liebevolle inzwischen nenne, also Leute, die ihre Rucksäcke, oder auch gleich sich selber, aus einem Taxi auf dem Gipfel ausladen.

Ich ziehe mich also gerade das letzte Stück eines extrem steilen Hanges hoch und hieve mich gerade zu mit letzter Kraft über die Kante. Ich schwitze wie bescheuert und mein Kopf hat ein nettes rot angenommen und als ich endlich wieder die Kraft habe, meinen Kopf anzuheben, blicke ich genau auf einen gigantisch großen Reisebus, aus dem gerade ältere Pilger aussteigen, mit ihren Minirucksäcken und sich vor mir munter auf den Weg begeben. Vom O’Cebreiro geht es hügelig, Berg ab, Berg auf weiter, doch es klart total auf und der Ausblick ist der Preis für alle Mühen. Ich habe das Gefühl, dass ich unendlich schnell den Weg entlang schwebe und einfach alles schaffen kann….

Als ich eine Stunde später allerdings vor dem bisher steilsten Hang, den ich je gesehen habe, stehe, hinunter schaue und mich fragen muss, wie in aller Welt ich da runter kommen soll, ist mein Gefühl dann doch gänzlich verflogen. Einen Aufzug oder ne Rolltreppe haben sie hier wohl eher nicht, muss ich feststellen, aber was muss, muss…
Etwas geschafft komme ich endlich auf dem letzten Passhügel an und muss auch hier feststellen, dass das „Kurzeitpilger-Dasein“ doch sehr „In“ ist. Ein Reisebus steht schon für die müden <> bereit, um sie den Berg hinunter und direkt zu ihren fetten Hotels zu kutschieren. Ich hab nur Mitleid für sie übrig, denn ihnen wird niemals die gleichen Erfahrungen zu teil werden, die ich hier erleben darf. Stolz, Unabhängigkeit, Ausdauer, Mut und Gelassenheit werden für sie niemals die gleiche Bedeutung haben, wie für mich. Verächtlich überhole ich einige von ihnen in einem Mordstempo, das mich selber erstaunt. Ich weiß nicht woher meine gute Verfassung und mein schnelles Tempo heute kommt, aber ich ziehe leicht beschwingt auch an den anderen Mitpilgern vorbei, die sich qualvoll den Weg entlang schieben, gestützt auf ihre Wanderstöcke.
Die Strecke ist recht nett, außer wenn es durch Dörfer geht. Hier steht nämlich die Kuh-, Pferde- und Ziegenscheiße kniehoch in den Straßen und aus den Häusern laufen verdächtige Rohre mit verdächtig gefärbten Flüssigkeiten, die sich mit der restlichen Pampe vermischen und die Straßen unsicher machen. Einfach nur widerlich! Ich muss etliche Male springen und mein Ausweichtalent anwenden, um der Soße zu entgehen.14 km lang ist der Abstieg von Alto do Poio und ich lege ihn mit kleinen Minipausen in sagenhaften zwei Stunden zurück und bin damit eine ganze Stunde schneller, als mein Führer mir vorausgesagt hatte.

Abends gehen wir in einen schönen, eindrucksvollen und ergreifenden Gottesdienst, mit anschließender Pilgersegnung.

Der Pfarrer ist ziemlich lustig drauf und bezieht die Pilger stark in die Messe mit ein, hält Gebete in mehreren Sprachen und verteilt Kopien mit Gedankengängen zum Weg an alle. 

--> 27km

„Eure Stöcke nützen euch auch nichts – ich krieg euch alle…“ 


C|_|
 

Dienstag, 12. Januar 2010

Rabanal - Villafranca

1. September 2009:
Auf geht’s – heute erklimmen wir die ersten Berge!
Wir stehen heute etwas später auf, damit wir bei Helligkeit den Aufstieg nach Foncebadón (6km) bewältigen können. Es ist ein ehemals ausgestorbenes Dorf, hoch oben in Nebelschwaden versteckt, dass inzwischen aber wieder belebt wurde und wo wir eine Kaffee-Pause einlegen, um neue Kraft und Wärme zu schöpfen Außerdem finde ich dort ein sehr schönes Lederarmband, dass mich immer daran erinnern soll, wie Stolz ich auf mich sein kann, so weit gekommen zu sein.
Der Aufstieg ist leichter als gedacht, was nicht heißt, das er spuren los an mir vorbei geht. Es windet ziemlich stark und in Kürze drohen mir meine Ohren abzusterben. Man fühlt sich fast wie im kältesten Winter, und ich ärgere mich etwas über diesen Land, in dem es entweder viel zu warm oder viel zu kalt ist! Die Gegend ist eigentlich sehr schön und der Ausblick atemberaubend, aber auch nur, wenn sich mal für kurze Momente der Nebel lichtet. So wandere ich hier “einsam“ vor mich hin; wenn man aber genau schaut irren hier einige Pilger herum, doch der Nebel lässt die Meisten still und heimlich einfach verschwinden. Man merkt nie ganz genau, wo es lang geht und ob man den Gipfel schon erreicht hat, oder nicht. Nach einiger Zeit erhebt sich majestätisch das Cruz de Ferro vor mir aus dem Nebel. Für mich (und meine Mum genauso), ist dies ein wichtiger Meilenstein auf meinem Weg. Es besteht die alte Tradition, der Pilger seit Jahrhunderten von Jahren schon folgen, dass ein jeder einen von Zuhause mitgebrachten Stein hier ablegt, der symbolisch für all seine Lasten und Sünden steht, die hier auf dem Weg zurückgelassen werden sollen. So klettere auch ich auf den riesigen Steinhaufen und werfe all meine Sorgen und Ängste hier auf dem Monte Irago, auf 1531m Höhe ab und krepsele anschließend befreit und erleichtert (ach der 35g Stein-Gewicht wegen) wieder herunter.

Dann geht unsere Wanderung weiter, vorbei an einer fetten freilaufenden Kuh (mit spitzen Hörnern!) und zwei gigantisch großen böse-dreinblickenden Hunden, durch Nebelschwaden, berg auf und berg ab. Der Nebel hat übrigens etwas gegen meinen tollen und treuen Begleiter, meinem Strohhut, und macht ihn “etwas“ nachgiebig und elastisch… Aber er hat auch etwas Positives: wir bemerken zwar immer wieder An- und Abstiege, können aber nicht wirklich feststellen, wann wir die zweite Passhöhe passieren.
Irgendwo dort oben in der Kälte und der Einsamkeit hat sich ein ehemaliger Pilger, namens Thomás, niedergelassen. Inzwischen betreibt er dort in der Einöde eine Albergue und versorgt die vorbeilaufenden Pilger mit Kaffee und Tee. Außerdem kann man hier beiwohnen, wenn Thomás alte Riten der Tempelritter durchführt, da der Aussteiger sich wohl selber noch zu den Kreuzrittern aus alten Zeiten zählt. Ein winziger Makel an dieser ganzen Aussteiger-Hütte ist wohl das fehlende Klo bzw. das winzige Plumpsklo, das etwas weiter geduldig auf seine Besucher wartet.

Irgendwann nach stundenlangem Umherirren durch die Wolken, ist ein deutlicher und schwerer Abstieg zu merken und mir wird klar, dass wir nun die Montes de León hinter uns gelassen haben.
In Riego de Ambrós suchen wir uns eine Albergue und erwischen dort ein kleines Kabinchen mit zwei Betten. Ich lege mich nach einer ausgiebigen Dusche für ein Nickerchen hin und werde drei Stunden später von meiner Mutter geweckt. Ok, ich war wohl erschöpfter, als gedacht!
Wir gehen in die einzige Bar im Ort und genießen unser Pilgermenü, während die Abendsonne ins Restaurant scheint. Spontan kommt uns dann die Idee, hier nicht zu verweilen, sondern 5 km weiter ins Städle Molinaseca zu ziehen, um Morgen früher in Ponferada zu sein und in der Albergue einen neuen Pilgerpass zu bekommen.
So wandeln wir nach dem fetten Essen zurück zur Albergue, packen still und leise unser Zeugs zusammen und stolpern hastig raus. genau in die Arme des Hospitaleros, der aber eindeutig zu verdattert ist, um was zu sagen.

In die Abendsonne hinein, sozusagen, „der Sonne hinterher“, beginnen wir heiter und beschwingt den steilen und steinigen, aber dennoch sehr schönen Abstieg. Wir kommen heil kurz vor Dunkelheit in dem hübschen Städtchen an, das prachtvoll im Abendlicht vor uns liegt.

Quer durch die Stadt geht es zu einem Refugio, wo uns der “schwarze Mann“ (ein älterer Deutscher, total in schwarz gekleidet mit einem langen geflochteten Kinnbart – es gibt hier schon lustige Figuren) an Stelle des Hospitalers begrüßt, da dieser bereits schläft.
-->28km

„Ja, über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos. Zwar bleiben nicht alle Ängste und Sorgen darunter verborgen, aber dennoch gibt es einen Weg sie zurückzulassen“


2. September 2009:
Wir hatschen heute früh nach Ponferada, und wie es große Städte so an sich haben, gibt es hier endlose Vorstädte, die nicht aufzuhören scheinen, mit ihren hässlichen Straßen und ihren noch hässlicheren Häusern. Ich glaub mir ist so langweilig, dass ich mal wieder ganz genau darauf höre, was mein Körper mir so zu erzählen hat und siehe da, auch wenn ich das Schreien meiner Sehne die letzten Tage ziemlich gut überhört habe, kann ich sie jetzt umso deutlicher hören.
Nach schier endlosen 7km kommen wir im Zentrum von Ponferada an und laufen an der sehr imposanten Templerburg aus dem 12./13. Jahrhundert entlang.

Ponferada raubt mir meinen letzten Nerv, alles ist schlecht ausgeschildert und die Leute sind zwar hilfsbereit, aber haben wohl selber alle nicht so den Plan, wo’s lang geht.
Endlich aus Ponferada draußen, entscheiden wir uns für den schöneren, dafür aber längeren Weg  nach Villafranca del Bierzo. Durch “schönsten“ Sonnenschein geht es Kilometer um Kilometer durch hügelige Landschaft, die vom Weinbau geprägt ist.

Mama ist kurz vor dem Zusammenbruch, als wir endlich das Dorf erreichen und in dem Moment bin ich mir nicht sicher, ob sie den Weg zur Albergue überhaupt noch schafft, die am Ende des Dorfes liegt. Dieses zieht sich aber gut und gerne über zwei endlose Kilometer hin. Vor den Stufen der Albergue angekommen, scheint es, als würde sie jeden Moment umkippen und nie wieder aufstehen und ich überlege gerade, wie ich sie um Himmels willen, die Stufen hochbekommen soll. Doch irgendwoher schöpft sie ein letztes Mal Kraft und hievt sich die Treppen zu unserem hübschen 2-Bett-Zimmer hoch, dass sehr sauber und nett hergerichtet ist und sogar einen kleinen Balkon besitzt (12Euro pro Person).

Heute gönnen wir uns einen besonderen Luxus. Ich besorge einen Wäschekorb, den wir bis oben hin mit dreckigster und übelst-riechender Dreckwäsche füllen und ihn dann für 5 Euro der Hospitalera in die Hand drücken. Nach dem Abendessen, steht der Korb mit frisch gewaschener und sauber zusammengelegter Wäsche wieder vor unserer Tür. Es ist wirklich der pure Luxus nach so langer Zeit Handwäsche, wieder richtig frische Klamotten tragen zu dürfen.
--> 21km
„Jede Stadt hat ein Ende!“


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Montag, 11. Januar 2010

San Justo - Rabanal

30. August 2009:
Der Wecker klingelt um halb Sieben, aber beim Betrachten meines immer noch angeschwollenen Fußes, vergeht mir schlagartig die Lust zum Laufen! Kurzfristig entscheiden wir also, uns einen Tag Pause zu gönnen und heute nur die 5km bis Astorga zu laufen und dort in eine Albergue zu gehen. Damit steht also heute “ ’s Städle agugge“ als Hauptaktivität auf dem Tagesplan. Wir stellen uns den Wecker auf zwei Stunden später und pilgern dann genüsslich und langsam los.
Am Stadtrand frühstücken wir erstmal in einem süßen Kaffee. Wir finden hier den einen ausgesprochen leckeren Kaffee, Mantecadas (spezielles Buttergebäck der Stadt Astorga) und weitere leckere Kekse. Danach checken wir erstmal in einer noch völlig leeren Albergue ein. Angeblich ist das hier ein restaurierter 300 Jahre alter Palast, wobei von den Restaurationen nicht viel zu sehen ist, dafür die 300 Jahre umso mehr.
Insgesamt aber ganz nett gemacht, inklusive einem Innenhof in dem ein riesiger Feigenbaum ’gen Himmel ragt. Außerdem gibt es dort eine Art Brunnen, mit eiskaltem Wasser, in den ich kurzerhand meinen Fuß samt geknechteter Sehne hänge, damit die Schwellung eventuell ein bisschen abklingt bzw. der Schmerz etwas nachlässt. Ich muss dazu sagen, dass ich schon nach kurzer Zeit glaube, dass mir der komplette Fuß wohl noch vorher in dem kalten Wasser absterben wird, bevor ich auch nur ansatzweise auf Besserung hoffen kann.
Hinkend geht’s dann ins Städtchen, zur relativ schönen Kathedrale und sogar einen Museumsbesuch gönnen wir uns heute mal. Es ist der so genannte Bischofspalast (in dem aber nie ein Bischof eingezogen ist). Es ist ein von Gaudí entworfenes Haus, das unverkennbar seinen Stempel trägt, aber nicht von ihm vollendet wurde. Heute beherbergt es eben das „Museo de los Caminos“, mit mehr oder weniger interessanten Ausstellungsstücken, wie zum Beispiel das „echte“ Cruz de Ferro, das wir in einigen Tagen auch noch erreichen werden.
Abends tingeln wir von Bar zu Bar und von Restaurant zu Restaurant, trinken Cerveza con limón und essen Pizza. Da gerade ein Fest in Astorga steigt, ist einiges los in den Straßen. Unter anderem sind gigantisch große Bühnen aufgebaut, Kunststücke werden überall vorgeführt und es herrscht einfach ein emsiges Treiben.
Wir sitzen am Plaza Mayor und begaffen ewig lang, die vorbeiströmenden Menschenmassen. Dabei fällt mir immer wieder auf, dass alle spanischen Frauen irgendwie gleich aussehen. Sie sind “schick“ herausgeputzt, in ihrem besten Sonntagsdress, was meist aus einem gleichfarbigen 2-teiligen Kostüm besteht und jeder trägt so viel Gold, wie er hat und wo er nur kann. Es erinnert schon fast etwas an Karneval.
Durch unseren unfreiwilligen Tag Pause, haben wir lauter altbekannte Gesichter wieder gesehen, welch eine Freude: die 5-Uhr-Japaner, Alex Karev, die Gitarren-Melonen-Männer, einfach alle!
--> 5km

„Der Weg verliert keinen“

31.August 2009:
Wir stehen früh bei Dunkelheit auf und laufen los. Meine Sehne schmerzt zwar immer noch ziemlich stark, aber ich habe mir gestern noch eine Salbe in einer Apotheke gekauft, durch die die Schwellung etwas zurückgegangen ist. Die gute Frau in der Apotheke wollte mir erstmal verklickern, dass ich den Fuß einfach nicht mehr belasten und ihm ein paar Tage Ruhe gönnen solle, aber da konnte ich einfach nur lachen! Hallo? Klar, ich pilgere einfach auf einem Fuß weiter…
Wir kommen auf unserer heutigen Etappe durch drei kleine, ganz nette Dörfer, in denen wir immer Halt machen und etwas trinken oder essen, wobei mir irgendwie schlecht ist und somit Mama das Essen gnädigerweise übernimmt.
Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich die Gegend hier zweifelsfrei als Amerika identifizieren! Der Weg führt durch Eichenwälder, an einem Zaun entlang, in dem hunderte von Kreuzen geflochten sind, aus Ästen und allem möglichen was in der Umgebung liegt. Das Ganze geht über mehrere 100 Meter und ich bin beeindruckt, wie viele Menschen hier ihren Glauben Gott gegenüber bekundet haben…
Den ganzen Tag über befinden wir uns stets in einem Anstieg, was die „wenigen“ Kilometer sehr in die Länge ziehen und die Geduld meiner Sehne doch sehr ausreizen, wobei ich wirklich sagen muss, dass das hier einer der schönsten Wege auf dem Camino ist.
Wir kommen endlich, stark schwitzend und nur mit letzter Kraft, in Rabanal an und begeben uns in eine nette private Herberge mit hübschen Innenhof.
Nach einem kleinen Mittagsschlaf, verspeise ich erstmal einen Riesenteller Makkaroni und Mama eine fette Portion Spiegeleier mit Speck. Ansonsten wird mal wieder einfach nur ausgespannt.
Am Abend kommen wir mit einer sehr ruhigen, aber netten Iren und einer jungen Frau aus Moskau, die schon einiges in ihrem jungen Leben erlebt hat, ins Gespräch. Es ist interessant, zu erfahren, was die anderen Pilger so dazu gebracht hat, hier zu laufen und es sind immer die verschiedensten Gründe. Später gesellen sich dann noch zwei deutsche Radpilger zu uns, die uns ziemlich zum Lachen bringen, mit all ihren Geschichten.
Heute ist der erste Tag, an dem ich das Ganze hier nicht ein einziges Mal verflucht oder bereut habe, und das soll auch so bleiben!
-->22 km

„Die Motive sind verscheiden, aber der Weg macht alle gleich…“ 

C|_| 

Samstag, 2. Januar 2010

León - San Justo


28.August 2009:
Der Weg geht heute durch León und seine Vorstädte, 9 km bis nach Virgen del Camino, wo wir endlich den Großraum León verlassen.
Ich habe starke Schmerzen an meiner Achillessehne und humpele extrem. Jeder Schritt ist eine unglaubliche Überwindung und die Berge helfen nicht gerade, leichter voran zu kommen. Ich kann meinen Fuß nicht mehr normal abrollen und belaste dadurch unnatürlich meine Hüfte. Schon nach kurzer Zeit bekomme ich es mit abnormalen Hüftschmerzen zu tun, dass ich mich schon fast nach einer Hüftprothese sehne. Ich sehe aus wie der letzte Krüppel und krieche praktisch nur den steilen Hang hinauf. Als ich oben ankommen, kann ich nicht mehr weiter. Ich bin am Ende. Tränen steigen in mir auf und ich kann sie nicht mehr zurückhalten. Ich habe solche Schmerzen und fühle mich einfach total hilflos. Ich glaube, ich habe mir noch nie solche Schmerzen selber zugefügt und habe trotzdem nichts dagegen getan und sie einfach unterdrückt. Wir setzen uns einige Minuten an den Wegrand und ich genieße einfach nur jede Sekunde, in der ich nicht weiterlaufen muss.
Nach einer Pause geht es dann erstmal weiter und ich versuche krampfhaft, normal zu laufen und lieber den Schmerz an der Sehne zu ertragen, als mich wieder mit meiner Hüfte anzulegen. Ich bin heute wirklich an meine Grenzen gekommen und muss spüren, dass irgendwo Schluss ist. Das gehört wohl auch zu einer der Erfahrungen, die ich hier auf dem Weg machen muss.

Wir finden heute Unterkunft in einer netten, kleinen Albergue und haben sogar das Glück, ein 2-Bett-Zimmer zu bekommen. Allerdings ist die Matratze nicht gerade ansprechend und ich lege sowohl eine Decke, als auch meine Isomatte und meinen Schlafsack drauf, bevor ich mich ihr auch nur ansatzweise nähern kann.

Das Dorf ist sehr klein, aber trotzdem sieht mein ziemlich viele junge Leute hier durch die Straßen schleichen. Es ist mir ein Rätsel, wie diese hier leben können, in diesem Kuhkaff, „in the middle of nowhere“ , wo es einzig und allein eine Panadería gibt und es bis zum nächsten Dorf ein weiter Weg ist. Was machen die hier nur den ganzen lieben langen Tag? Und da muss ich erkenne, das es mich noch härter, als mit Stetten, hätte treffen können!

Ich habe an diesem Nachmittag einen Tiefpunkt, von bisher ungeahnter Tiefe. Es kommt einfach zu viel zusammen. Der Weg macht mich nicht nur physisch fertig, sondern auch psychisch. Dadurch, dass man körperlich völlig erschöpft ist, und viel zu viel Zeit hat, um über sein Leben nachzudenken, kommt manches hier einfach stärker hoch, als normalerweise. Der Tag heute war, von Schmerzen her, fast unerträglich und ich muss an meine Freunde Zuhause denken, die sich gerade wohl vergnügen und einfach ihr Leben genießen. Ich sehe nicht mehr, warum ich mich dazu entschlossen habe, meine Sommerferien zu opfern, um mir selber Schmerzen zuzufügen. Ich muss an die 12. Klasse denken, die mir Angst macht und an einiges ungeklärtes in meinem Leben. Zum zweiten Mal an diesem Tag, kommen mir die Tränen und das macht mich noch wütender, als ich eh schon bin. Ich kann mir bei besten Willen nicht vorstellen, noch zwei weitere Wochen so weiter zu machen. In meiner Verzweiflung rufe ich eine Freundin an, die gerade zwei Wochen in Lloret de Mar verbringt, und dort ordentlich auf den Putz haut. Interessant, dass ich gerade sie anrufe, die im Prinzip ihre Ferien im krassen Gegenteil zu meinen verbringt, nämlich „chillen und Party machen“. Und trotzdem ist es genau sie, die mich daran erinnert, warum ich diese Reise machen wollte und dass ich stolz auf mich sein kann, dass ich schon so weit gekommen bin. Sie gibt mir Mut und bringt mich dazu, nicht mehr alles so Schwarz zu sehen. Ich bin ihr unendlich dankbar, dass sie mich dazu gebracht hat, nicht aufzugeben!
-->24,5 km

„Krampfhaft locker sein, verkrampft“


„Wer geht, findet seinen Weg.
Die Straße des Lebens:
Trampelpfad alltäglicher Routine?
Schleimweg mittelmäßiger Kleinkariertheit?
Sackgasse ständigen Versagens?
Labyrinth letzter Ausweglosigkeit?
Auf dem Weg sein, immer unterwegs sein, begehbare Wege suchen.
Neue Wege gehen und umkehren können, wenn man sich verrannt hat.
Weggefährten suchen, Menschen, die ein Stück mitgehen.
Und Gott an seiner Seite wissen…“


29.August 2009:
Wir verlassen nach einem Kaffee unsere Albergue um 7.30 Uhr. Über 10km begegnet uns rein gar nichts Spannendes und so kommen wir in eine hässliche und einfache Bar, wo wir einen kurz Stop machen. Der ganze Schuppen lädt allerdings nicht zum Verweilen ein und somit laufen wir weiter, und verzichten vorerst auf ein Frühstück.

4km weiter kommt auch schon das nächste Kaff, wo wir erneut in einer Bar Halt machen. Dort finden wir bedauerlicherweise auch nicht viel Essbares, außer einer Tüte Chips mit Schinkengeschmack, für die ich normalerweise eine Hand geben würde, aber zum Frühstück können sie mich doch nicht so begeistern. Zu unseren Getränken bekommen wir allerdings Tapas, was in diesem Fall bedeutet, dass die Besitzerin uns zwei Stücke Tortilla hinstellt. Dies ist eine spanische Spezialität, ein Eier-Kartoffel-Matsch, die spanische Variante eines Omeletts. Weder Mama noch mich, können diese Stücke zum Frühstück animieren und deswegen lassen wir sie heimlich in der leeren Chipstüte verschwinden und stecken sie in meinen Rucksack, um sie später in der Weite der spanischen Einöde in die Freiheit zu entlassen.

In der größten Hitze geht es durch eine „sanft hügelige Landschaft“, wie es unser Reiseführer versucht uns schmackhaft zu machen, ins nächste Dort, wo wir ebenfalls eine Bar aufsuche, die genauso zum Bleiben animiert, wie ein überlaufendes Stehklo (dem ich übrigens in der vorletzten Bar wirklich begegnet bin). Dort kippen wir schnell ein Cerveza und stapfen eiligen Schrittes weiter, mit dem festen Entschluss, in diesem Dorf, ganz sicher keinen längeren Halt einzulegen.

Der Weg führt durch eine hügelige, staubige Gegend, die mit ihrem roten Dreck und den verdorrten Büschen sehr an Amerika erinnert. Der Weg ist wirklich sehr schön zu laufen, auch wenn es zwei Mal steil bergauf geht und gleich wieder wieder bergab. Nach dem letzten Aufstieg kommen wir an eine runtergekommen Scheune, vor der ein großer Tisch aufgebaut ist, mit allem, was das Pilgerherz erfreut. Eine überaus freundliche junge Frau, um die 25 Jahre, lädt herzlich ein, ordentlich zuzugreifen. Wassermelonen, Bananen, Äpfel, Feigen, Nektarinen, Orangen, Kaffee, Wasser, Limonade (selbst gemacht!), selbstgebackener Kuchen und vieles mehr finden wir hier im „Pilgerparadies“. Noch dazu gibt es einen knallroten Stempel in Herzform mit der Aufschrift „Casa de los Dios“ – Haus der Götter und das klingt in dem Moment auch nicht mal ansatzweise übertrieben! Nach einem Foto mit der Frau (ein junger Mann ist ebenfalls dabei) ziehen wir dankbar weiter, zum Wegkreuz Santo Toribio. Ich bin, wie schon ein paar Mal auf dem Weg, völlig überwältigt, von der Freundlichkeit und Großzügigkeit mancher Menschen hier den Pilgern gegenüber.


Von dem Wegkreuz aus, können wir auf unser heutiges Wegziel San Justo hinunterblicken.

Dort gibt es allerdings nicht einmal eine Albergue, also checken wir im Hostal Julie ein, was ganz nett ist, beziehungsweise einfach nur sauber. Der Nachteil hier ist, dass es nicht einmal ein Restaurant gibt, in dem wir etwas zu Abend essen könnten, daher müssen wir uns für heute mit trockenen Bocadillos con Larma anfreunden, was somit irgendwie auch das einzig Wirklich ist, was ich heute gegessen habe.
Meine Sehne habe ich den ganzen Tag einfach ignoriert und schreien lassen, um auf keinen Fall zu humpeln und wieder meine Hüfte falsch zu belasten. Zum Dank dafür schwillt am Abend mein Fuß rund um meinen Knöchel völlig und auf ungeahnte Dicke an.
-->29 km

„Raise up, and don’t falling down again“Rise up – Yves Larock

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Sahagún - León

26.August 2009:
Um Punkt 6.00Uhr ging heute Morgen ein herrlicher Choralgesang los – direkt vor unserer Zimmertür. Das Ghettoblaster gibt alles und beschallt das ganze Haus. Anscheinend wollen sie die Pilger möglichst schnell loswerden.
Wie schon mal erwähnt: ich bin ein Morgenmuffel. Ich brauche morgens meine Ruhe, will möglichst mich und meinen Mund nicht bewegen. Im Gegensatz zu mir, steht allerdings meine Mum. Sie zwitschert heiter vor sich hin, erfreut sich an jedem Stein und jeder Minute von einem Morgen und teilt mir das auch Liebenswerterweise mit. Sie lässt sich auch nicht von meinen knappen und mürrischen Antworten, wie „hmjo“ oder „rhhne“ irritieren und ist heiter und frohen Mutes, während ich einfach nur noch zum Massenmörder werden möchte.
Außerdem läuft sie morgens relativ flott, ganz im Gegenteil, zu mir, denn irgendwie wollen meine Muskeln und Knochen morgens genauso wenig, wie mein Geist und alles andere von meinem Körper… Ich brauche meine Zeit, bis ich eingelaufen bin und bis ich mein Tempo gefunden habe. Na ja, und nichts ist anstrengender, als nicht sein eigenes Lauftempo laufen zu können.

Schon früh kommen wir heute, relativ fit sogar, in „el Burgo Ranero“ an und müssen noch ganz schön lange vor der Herberge warten, bis diese endlich aufmacht. Die Albergue ist im Adobe-Baustil gebaut, was ganz interessant ist, mal genauer zu sehen. Im Prinzip könnte man sagen, das Haus besteht nur aus Stroh, verkleidet mit Dreck und Schlamm.


Trotzdem ist es drinnen sehr sauber und freundlich. Das ist etwas, was wirklich zählt – Sauberkeit! Ich bin jedes Mal dankbar, wenn wir eine Albergue erwischen, die Matratzen hat, auf die man sich legen kann, ohne sich Gedanken machen zu müssen, was für Krankheiten hier einen ereilen könnten. Alles in Allem, ist dies also eine super Albergue, die lediglich auf Spenden basiert.
Das Dörfchen scheint vollständig ausgestorben zu sein, und so chillen wir mal wieder und haben nichts zu tun, außer unsere Mitpilger zu beobachten, zu trinken oder zu essen.

Am Anfang unserer Reise haben wir zwei Deutsche getroffen, die lautstark verkündeten, sie hätten schon total viel abgenommen. Inzwischen ist mir echt unklar, wie man hier überhaupt nur ein Gramm verlieren sollte. Man läuft ein paar Stunden vom Tag, aber den restlichen Tag verbringt man nun mal nur mit Essen. Das wirklich Blöde ist halt einfach, dass essen, so viel leichter ist, als laufen!

Eine wirklich witzige Begleiterscheindung des Jakobswegs ist, dass wir häufiger meinen, Leute zu treffen, die unmöglich echt hier sein können, aber der entsprechenden Person doch zum Verwechseln ähnlich sehen: George Clooney hat uns neulich unsere Haltestelle gezeigt, Justin Chambers (Alex Karev von Grey’s Anatomy) lief ein Stück mit uns, Aragon saß beim Essen am Nebentisch und manch einen Klon aus meinem Alltagsleben ist mir hier schon begegnet. Ich bin doch schon sehr gespannt, wen ich hier noch alles treffen darf.
-->19km

„Entweder man gewinnt, oder man verliert. Alles dazwischen ist Interpretationssache!“


27. August 2009:
Gebt mir Kaffee oder ich bewege mich kein Stück. Wenn sich der nächste Kaffee allerdings 13,5 km von dir befindet, die einzige Möglichkeit aber laufen ist, weißt du, dass das heute sicherlich kein Traumtag wird. Das blöde Dorf, will und will einfach nicht näher kommen. Ich quäle mich Schritt für Schritt vorwärts und am frühen Mittag hat es schon um die 30°C.

Ich verliere über das Schwitzen so viel Flüssigkeit, dass ich mich echt ranhalten muss, sie durch Trinken wieder aufzufüllen. Das Laufen geht heute ganz gut und wir kommen schnell vorwärts, auch wenn es sich für mich anfühlt, als würde ich dem heuten Tagesziel keinen Zentimeter näher kommen. Wir überholen die Meisten andern Pilgern und lassen sie meist schnell hinter uns.
Wir kommen heute nach León, eine der größeren Städte auf unserem Weg und gönnen uns dort mal zur Ausnahme ein richtiges Hotel, direkt im Herzen der Stadt, nur 80m von der Kathedrale entfernt.

Irgendwie beeindruckt diese mich aber nicht übermäßig – ich habe wohl schon zu viele von diesen architektonischen Meisterwerken in letzter Zeit begutachten dürfen.

Insgesamt mag ich die kleineren Dörfer mehr, als die riesigen Städte. Irgendwie Ironie, dass ich beim Pilgern so empfinde, wo ich doch gegen die kleinen Dörfer Zuhause in Deutschland so einen Groll hege.
Wir setzen uns in eine der Bars und trinken mal wieder unser Heißgeliebtes >>Cerveza von Limón<<, was wir hier auf dem Weg kenne- und lieben gelernt haben. Es ist eine Art Radler mit dem Spanischen Mahou-Bier. Mahou bezeichnet sich selber als „el compañero del camino“ und ich kann diesem Werbespruch nur zustimmen!
--> 20km


„Wer seinen Weg geht, dem wachsen Flügel.“ Weisheit des Zen-Buddhismus

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