Mittwoch, 4. November 2009

Frómista - Sahagún


24. August 2009:
Schmerzen! Schmerzen! Schmerzen!
Eigentlich wäre damit alles gesagt… Es ist eine einzige Qual. Schon nach 4km denke ich, dass ich nicht weiter kann. Morgens ist es eh immer hart, überhaupt loszulaufen. Ich brauche meine Zeit, bis ich mein Tempo und meinen Laufstil gefunden habe. Aber heute geht es einfach mal gar nicht. Ich schleppe mich mühsam Schritt für Schritt vorwärts und habe den Eindruck mich nicht fortzubewegen. Meine letzten Nerven (und auch meine letzte Kraft) rauben mir kleine Plagegeister in Form von winzigen schwarzen Fliegetierchen, die mir die ganze Zeit vor dem Gesicht herumschwirren, in Nase, Augen und Ohren fliegen und mich einfach zur Weißglut treiben. Ich habe einerseits keinerlei Kraft um sie zu jagen bzw. zu erschlagen, aber andererseits habe ich das starke Bedürfnis die komplette Tiersippe augenblicklich auszulöschen. Eine Bar, wo ich meinen Kaffee bekommen könnte, ist weit und breit nicht auffindbar.

Ich bin kurz davor alles aufzugeben und mich zu weigern auch nur einen weiteren Schritt zu tun, da taucht plötzlich ein älterer Herr, mit einem Gewehr in der Hand, vor uns auf. Er stürmt an uns vorbei und schreit ein Wort, das in meinem Spanischvokabular nicht auffindbar zu sein scheint. Wir fragen uns gerade auf welches arme Tier wohl dieser etwas Durchgeknallte Mann jagt macht, als er auch schon wieder uns entgegenstürmt und einen Stempel für unsere Credencial in der Hand hält. (Die Credencial ist eine Art Pilgerpass, wo die Pilger Stempel von den verschiedenen Orten bzw. Alberguen, wo sie lang gekommen sind, sammeln. Dieses Dokument bestätigt, dass man Pilger ist und in den Pilgerherbergen übernachten darf und dient gleichzeitig als Beweisstück, dass man den Weg gepilgert ist, um am Ende in Santiago die Compestella erhalten zu können.)
Der Mann nimmt mir den Rucksack ab und reicht uns einen Becher voller bunter Bonbons. Dann setzt er uns kunstvoll seinen Stempel in unseren Pass. Er fragt mich nach meinem Namen und stellt sich dann selber vor: <Yo soy Pepe. Pepe y Linda - amigos por siempre> verkündet er zufrieden, setzt unsere Namen unter den Stempel und gibt mir ein Bussi. Etwas gestärkt laufe ich weiter und denke darüber nach, wie der Weg sich von seinen unterschiedlichen Seiten zeigt. Gerade wenn du denkst, du gibst auf, reicht er seine Hand und zieht dich weiter. Ohne Pepe hätte ich mich dort wohl noch augenblicklich in den Straßengraben gelegt und wäre nie wieder aufgestanden. Pepe, mein Tagesretter!

Sieben lange Kilometer später kriechen wir in ein Dorf und ich kann mir nicht vorstellen, wie ich jemals wieder laufen soll. Ich glaube ich hatte noch nie so Schmerzen. Nicht nur die Füße tun unbeschreiblich weh, sondern jede Sehne schmerzt unendlich, bei jedem einzelnen Schritt, und meine Hüfte fühlt sich an, als wären meine Beine nicht mehr in der “Gelenkhalterung“ verankert, sonder schon längst ausgekugelt. Die Druckstellen überall erwähn ich mal nur nebenbei. Ich bin an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr weiter kann und vor allem will und ich bereue diese ganze Sache und würde augenblicklich nach Hause fahren, wenn ich nur könnte. Warum ich diesen Scheiß mir antue, frag ich mich heute nicht nur einmal. Ich blöde Kuh musste ja unbedingt einen besonderen Urlaub haben und konnte nicht wie andere Leute, mich irgendwo in ein fettes Hotel am Strand irgendwo in Spanien einniesten. Verzweifelt muss ich außerdem feststellen, dass es hier nicht mal einen Baum gibt, an dem ich mich erhängen könnte – in diesem Moment hass ich mich und mein Leben…
Wie genau ich es dann bis nach Carrión de las Condes schaffe, weiß ich nicht. Wir gehen hier in ein Kloster von Nonnen des Vinizianer-Ordens, die uns für 7 Euro pro Person in kleinen Schlafräumen übernachten lassen.

Frisch geduscht und total erschöpft lasse ich mich auf mein sauberes Bett fallen und schlafe erstmal zwei Stunden lang. Danach geht es auf zur Stadtbesichtigung. Wir finden eine offene Kirche und zum ersten Mal auf meinem Weg lass ich mich auf einer der Holzbänke hinten in der kühlen Kirche nieder und bete. Als ich hier so sitze, erkenne ich erstmals was der Weg mir gibt - zum Ausgleich für die Schmerzen.

Ich sitze hier völlig still und es fühlt sich an, als würde mir jemand einen Umhang überlegen, der mich wärmt und mir das Gefühl der völligen Zufriedenheit gibt. Ich bin auf einmal völlig ruhig und ausgeglichen und starre auf den goldenen Altar. Ich fühle seit langem zum ersten Mal wieder, was ich schon so lange vermisst habe. Ich fühle mich Gott nahe. Bisher auf dem Weg habe ich noch nicht viele Kirchen besucht, geschweige denn Gottesdienste, weil in dieser Region die Kirchen zwischen 70 Cent und einem Euro kosten. Ich sehe es aber einfach nicht ein, warum ich zahlen sollte, um eine Kirche betreten zu dürfen und zu Gott zu beten…
-->20 km

„Ein Engel braucht nicht unbedingt Flügel, manchmal reichen auch einfach ein paar Bonbons.“


25.August 2009:
Heute schlafen wir erstmal aus und gehen den Tag gemütlicher an. Mit uns im Zimmer lag heute übrigens ein tauber und blinder Radpilger. Er wurde von mehreren Personen rund um die Uhr betreut, die ebenfalls hier übernachtet haben. Seine Kilometer legt der Mann auf einem Tandemrad zurück, zusammen mit einem seiner Betreuer. Ich frage mich, was ihm dieser Weg bringt, wenn er weder “den Weg“ sehen kann, noch hören kann, was “er“ ihm zu sagen hat. Wenn ich solche Menschen sehe, merke ich erst wieder, wie zufrieden ich mit mir und meinem Leben sein kann und was für ein Glück ich habe, nicht behindert zu sein.

13 km geht es heute durch abgemähte Getreidefelder und die Sonne scheint wirklich erbarmungslos.

Die letzten Kilometer ziehen sich wieder ewig hin und ich humple mehr, als dass ich laufe. Es fühlt sich an, als ob jemand eine scharfe Klinge in den hinteren Teil meines Schuhes geklebt hätte, die mir jetzt bei jedem Schritt in die Ferse bzw. die Achillessehne schneidet. Ich kann kaum weiter und ich muss mich echt beherrschen nicht loszuheulen. Gott hat allerdings mal wieder erbarmen und schiebt uns gnädigerweise ein paar Wolken vor die Sonne.

Wir kriechen um 17.ooUhr erst in das Kloster des Benedikterordens und beten zu Gott, dass um diese Uhrzeit noch zwei der 24 Betten frei sind. Wieder hat Gott ein Einsehen und wir bekommen ein kleines Zimmer mit 6 Betten zugeteilt, in dem bisher noch keiner liegt. Außerdem haben wir hier unser eigens Klo mit Dusche, dass nur für die sechs Person des Zimmers vorgesehen ist - purer Luxus!

Abends gehen wir in ein „Vesper“, wobei dies ohne Pfarrer stattfindet (der ist gerade außer Haus) und besteht daher größtenteils aus Choralgesängen der Ordensschwestern. Die Nonnen sehen alle genau gleich aus: alt, schrumpelig, etwas pummelig mit Brille und an ihrem Ringfinder thront ein goldener Ring, der Symbol für die Eheschließung mit Gott (oder war es doch Jesus?) steht. Eine graue Maus, der anscheinend noch nicht die Ehre zu teil wurde, die Nonnenkleidung zu tragen, sitzt in ihren grauen Klamotten, ganz unscheinbar zwischen den Schwestern und hält konstant den Kopf gesengt. Ich glaube ich habe noch nie so eine unterdrückte und verängstige Frau gesehen. Wie kann man den so verschüchtert sein? Ich hoffe still für mich, dass ich es in meinem Leben immer schaffen werde, “head held high“ durch das Leben zu laufen.
-->15km

„Dummheit ist, wenn man, wegen dem rechten Fuß, so humpelt, dass einem am Ende des Tages, der Linke noch viel mehr wehtut.“

C|_|