Dienstag, 6. Oktober 2009

Hornillos-Frómista

22. August 2009:
Manno Meter, was treibt einen Menschen dazu an, freiwillig morgens um 5.00Uhr aufzustehen? Beim besten Willen, ich habe keine Ahnung. Wie dem auch sei, hatten die zwei Chinesen/ Japaner/ Koreaner aus unserem Zimmer wohl irgendeinen Grund. Und eine ½ Stunde später hatte auch das restliche Zimmer einen Grund gefunden und ab ging’s. Um 6.00Uhr erliegt auch Mama und mir bleibt als letzte im Zimmer nichts anderes übrig, als mich ebenfalls Hochzuquälen.
Ohne Frühstück laufen wir noch bei Dunkelheit los und ich muss sagen, dass es echt recht frostig draußen ist. Heiliges Blechle – ich armer Morgenmuffel!

Nach 10km kommen wir nach Hontanas, wo wir bei schönster Morgensonne ein Frühstück vertilgen. Wobei Frühstück ist vielleicht etwas hochgestochen, wenn ich mir so die drei total vertrockneten und staubigen Brotscheiben anschaue, die für mich, wie es aussieht, einen qualvollen Toastertod gestorben sind. Wir schmieren uns ordentlich Marmelade drauf und spülen das Ganze mit einem guten Kaffee con leche (Milchkaffee) runter.

Gestärkt geht es weiter durch die schattenlose, unendliche Landschaft. Schneller als gedacht tauchen plötzlich vor uns die Ruinen des Klosters San Antón auf. Früher wurden hier die Leprakranken Pilger aufgenommen und geheilt und heute bieten die Überreste einen Schattenplatz für die vorbeiziehenden Pilger.

Inzwischen geht der Jakobsweg direkt durch die Überreste des Klosters, sodass man praktisch durch das Kloster durchläuft. (Das ganze erinnert übrigens stark an „Herr der Ringe“) Wir kaufen uns hier ein Taukreuz aus Olivenholz, auf dem in goldenen Buchstaben „San Anton“ steht. Ein Taukreuz ist ein ganz besonders Kreuz, das gerade von Pilgern oft getragen wird. In der Offenbarung des Johannes wird es als Symbol zur Kennzeichnung der Gläubigen verwendet, die erlöst werden sollen und ist somit in der christlichen Lehre ein Bußzeichen.
Nur ein paar Kilometer weiter liegt unser Tagesziel Castrojeriz und wir glauben schon angekommen zu sein. Wir können das Dorf schon von weitem sehen, aber auch egal, wie viele Schritte ich tue, das Dorf will einfach nicht näher kommen. Als wir die ersten Häuser erreichen, brennt die Sonne inzwischen ziemlich erbarmungslos auf uns nieder und somit zieht sich der Weg ewig auf den letzten Metern durch die Vorstadt von Castrojeriz. Völlig erschöpft und ausgelaugt steigen wir die Stufen zu unserer Albergue hinauf und müssen feststellen, dass „unsere“ 5-Uhr-Chinesen/Japaner/Koreaner kurz vor uns angekommen sind und wohl auch heute wieder mit uns einen Schlafraum teilen werden. Tja, so viel Vorsprung hat es ihnen dann auch nicht gebracht, um 5 Uhr aufzustehen….
Die Schmerzen halten sich auch heute wieder in Grenzen, lediglich meine Sehne am Fuß hat den ganzen Tag stark geschmerzt, als ob der Schuh zu eng wäre und das obwohl er gestern perfekt gepasst hat! Komisch…
Nicht nur das Laufen ist übrigens sehr ermüdend, sondern auch die Mittagshitze. Ich packe mich für eine halbe Stunde in den Kühlen Schlafraum (hier gibt es nur einen Schlafraum mit etwa 20 Betten und ein paar Matratzen). Nachdem ich nach meiner Siesta wieder ins Freie trete, erschlägt mich die Hitze förmlich und ich kann kaum noch atmen. Ein echt beklemmendes Gefühl, das ich auch so schnell nicht wieder loswerde.

Wir verplempern den Tag dann wieder im Städtle und sinken abends müde in unsere Betten, die sich natürlich genau neben den Betten unsere 5-Uhr-Japanern befinden (Es sind Japaner, wir haben es im Gästebuch gelesen!). Na das wird ja mal ne echt geruhsame Nacht…
--> 21km

„Auch wenn der Schuh gestern noch gepasst hat, garantiert das nicht, dass er am nächsten Tag noch genauso passt“


23. August 2009:
Punkt 5 Uhr sind die Chinesen aufgestanden – was für eine Pünktlichkeit, das muss man ihnen lassen. Genau eine Stunde später verlassen auch wir den Schlafraum, trinken einen Kaffee und wandern los. Meine Sehne schmerzt unheimlich und ich komme kaum vorwärts. Vor uns liegt ein Tafelberg, wie er steiler nicht sein könnte, mit einem 1,7km langen Aufstieg. Wir quälen uns langsam Schritt für Schritt hinauf und kommen pünktlich zum Sonnenaufgang oben an.

Tja, und nach dem Aufstieg folgt nun mal der Abstieg und der ist im Vergleich zu 1,7km nur noch 300m lang und dementsprechend geht es steil bergab. Schon um 11Uhr ist es brütend warm und vor uns liegt noch ewig viel Weg. Wir kommen an eine Quelle, wo drei ältere Männer Kaffee ausschenken, Obst und Kekse verteilen und jedem Pilgerer ein Lächeln schenken. Das bemerkenswerte an dieser Sache ist, das es nichts kostet. Lediglich ein Behälter für Spenden ist aufgebaut. Für mich ist es unbegreiflich, warum diese Menschen so etwas Nettes tun sollten – ich befürchte solche Leute gibt es viel zu selten (und dennoch belehrt mich der Weg später etwas besseren)…

Gestärkt und nachdenklich geht es weiter, wobei mein Fuß droht sich selber demnächst umzubringen, weil die Schmerzen langsam ins Unermessliche gehen.
Wieder geht es einen Berg hinauf und die Hitze gibt mir den Rest. Langsam merke ich, wie meine Kräfte sich immer mehr verflüchtigen und das obwohl der Weg kein Ende zu nehmen scheint. Weit und breit ist kein Schatten zu finden und man kann die Luft förmlich brennen sehen. Die Füße tun bei jedem Schritt weh und ich weiß nicht, wie ich es bis ins nächste Dorf schaffen soll. Für kluge Gedankengänge bleibt heute keine Zeit, da die Gedanken sich einzig und allein um die Schmerzen und die Hitze drehen. Es hat gefühlte 60°C und die einzige Frage, die mir zwischen den Schmerz in den Sinn kommt, ist, warum ich mir das zum Teufel antun und weiterlaufen sollte. Allerdings ist die Antwort ziemlich einfach, denn würde ich hier stehen bleiben und mich weigern weiterzulaufen, würde ich wahrscheinlich innerhalb der nächsten Stunde an einem Hitzeschlag sterben oder schlicht und einfach verdursten.

Also kriechen wir praktisch nur noch auf allen Vieren ins Dorf. Eigentlich haben wir uns für heute noch weiter 6km vorgenommen, aber ich kann kaum glauben, das ich jemals wieder laufen werden kann – zumindest nicht auf diesen Füßen!
Erstaunlicherweise geht es dann nach einer Cola, einem riesen Bocadillo und einer halben Stunden Pause relativ gut wieder. So ziehen wir also mitten in der fettesten Mittagshitze (um Punkt 12) weiter. Eigentlich total dumm, da wir davon ausgehen hätten können, das wieder kein Schattenplatz zu finden sein dürfte. Doch irgendein überaus netter Mensch hat sich dem Leid der Pilger wohl angenommen und hier und da ein paar Bäume an den Wegesrand gepflanzt. Immerhin, besser als nichts! Außerdem hat Gott wohl heute seine Spendierhosen an, denn auf dem ganzen Weg nach Frómista weht ein netter Wind. Wäre das nicht der Fall, hätten wir diesen Weg eher nicht überlegt, denn es ist so warm, das man, wenn der Wind nicht weht, kaum atmen, geschweige denn laufen kann. Danke Gott, dass du Erbarmen mit uns hast…

Wir kommen mehr schlecht, als recht in der Stadt an und können praktisch keinen Schritt mehr tun. Für 7 Euro leisten wir uns heute eine nette private Herberge. Alles tut weh, es melden sich Muskeln, von denen ich nicht mal wusste, dass ich sie besitze.
Abendessen tun wir in einer Bar und ich schwöre, dass Viggo Mortensen (auch besser bekannt als Aragon, der Waldläufer in „der Herr der Ringe“) an unserem Nebentisch sitzt. Er ist ihm aus dem Gesicht geschnitten, ein paar Jahre jünger vielleicht. Nur das markante “Arschkinn“ fehlt, was ihn aber auch nur hübscher macht. Ich bin kurz davor ihn um ein Autogramm zu bitten.
Ebenfalls am Nachbartisch sitzt ein junger Mann, um die 20, top gestylt mit Lederschuhen, Bügelfalte in der Hose und mindestens 2kg Haargel in den Haaren. Ich hätte felsenfest behauptet, das er ein einfacher Tourist ist, den kein Mensch würde so ein Outfit mit zum Pilgern nehmen, aber Mama kann ihn zweifelsfrei als Pilger identifizieren, der uns vor ein paar Tagen schon schwer schwitzend begegnet und aufgefallen war, da er und sein Kumpan jeweils eine Frauenhantel dabei hatten, der Teufel weiß warum. Übrigens war dieser Kumpan, samt Hantel, auch wieder mit am Start. Was das gibt, wenn’s fertig ist, werden vielleicht noch sehen…
--> 26km

„Der Schmerz übertönt jeden Gedanken und nur die Hitze siegt über den Schmerz“

C|_| 

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

was ist eine Frauenhantel?
Ich bin neugierig ob ihr den geschniegelten Kerl wieder getroffen habt.
Am unglaublichsten dünkt mich dass ihr beide mit so vielen fremden Leuten im gleichen Raum geschlafen habt. Bist du dir von den Lagern gewohnt, aber Mama?
Susi

Linda hat gesagt…

Hallo Susi,
das ist eine Hantel, die kleiner und damit auch weniger Gewicht hat und meist eine "Frauenfarbe" hat, also zB pink ;)
Ja, mir persönlich hat das nicht so viel ausgemacht, aber es ist auch ganz schön, wieder sein eigenes Zimmer zu haben ;)
liebe grüße
Linda